Fünf Filmkritiken

Mal wieder ein paar Filmkritiken, kurz und schmerzlos:

Abteilung Blockbuster:

Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind
(Fantastic Beasts and where to find them), David Yates, USA 2016, 133 Minuten
Inhaltich eher loser Harry Potter-Spin of im New York der 20er (kein Harry und kein Hogwarts weit und breit), der allerdings visuell durch die Handschrift des Potter-Stammregisseurs (natürlich bewusst) einen sich sofort heimisch fühlen lässt. Die von Joanne Rowling erdachte neue Story in dem von ihr selbst erschaffenen Universum ist zumindest brauchbar, richtig sehenswert wird der Film dadurch, dass die gigantischen Server-Parks eines Hollywood-Studios mal nicht für die ewig gleichförmige CGI-Massen-Destruktion genutzt werden, sondern für höchst einfallsreiche, fantasievolle, manchmal richtig poetische Bilder bei der Visualisierung der potter-typischen Magie. Braucht man die vier geplanten Fortsetzungen davon? Wohl eher nicht. Eine aber erstmal gerne. 8/10 Punkte

Rogue One: A Star Wars Story
Gareth Edwards, USA 2016, 134 Minuten
Star Wars, Episode 3.9: Wie die Rebellen an die Pläne des Todessterns gelangt sind und warum die „Schwachstelle“ in der Konstruktion des Todessterns doch ihren Sinn hat. Star Wars einmal wirklich als Kriegsfilm und so gut wie ohne Lichtschwerter, Familien-Dynastie-Gedönse und possierliche Viecher. Das tut richtig gut, sorgt allerdings auch dafür, dass dieser gigantische Abenteuerspielplatz namens Rogue One etwas unterkühlt daher kommt, da ändert auch das sogar eher unangenehme Märtyrer- und Aufopferungs-Pathos gegen Ende nichts. Wir wollen aber bei der Sache bleiben: Der Star Wars-Fan (für nichtgläubige ist der Film eher nicht geeignet), der bei einer zentralen Action-Szene und vor allem bei dem gut halbstündigen Finale nicht einen enormen Kick verspürt, der oder die ist noch nicht geboren worden. Fürs Protokoll: Atemberaubend perfekte Schlussszene, die enorm viel Endorphin ausschüttet, allerdings kurzfristig aufgekommenes Gerede über eine Rogue One-Fortsetzung völlig absurd erscheinen lässt: Die völlig nahtlose „Fortsetzung“ existiert seit 40 Jahren. Die Höchstnote können wir aber wegen zu viel Geschwätzigkeit im Mittelteil und etwas arg viel Mythos-Anspielungs-auf-der-Stelle-treten (vor allem bei den Gastauftritten von Schwerverbrechern, Droiden etc.) nicht vergeben. 9/10 Punkten

Fast & Furious 8
(The Fate of the Furious), F. Gary Gray USA 2017, 136 Minuten
Ist das schön, einfach mal einen gut geölten Blockbuster zu sehen, der erstaunlicher Weise in seiner Machart, Gefühle seiner Helden durch massive und realitätsferne Destruktionen auszudrücken, sich sehr stark beim asiatischen (Süden und Fernost) Kino bedient. Die Family spielt befreit auf und dass auf dem Regie-Stuhl erstmals F. Gary Gray (Set it off, The Negotiator, The Italian Job) Platz genommen hat, ist bei dieser Reihe eigentlich ein Selbstgänger: Denn Gray kann nicht nur Action, sondern hat auch ein extrem sicheres Händchen dafür, Helden cool in Szene zu setzen, es ist eine Wonne, in diesem Film Testosteron-Bomber wie Diesel, The Rock und Statham in Action zu sehen. Dafür ist der Erotik-Faktor eher herunter geschraubt, zumindest was nackte Haut angeht, dem Verfasser dieser Zeilen reicht aber eigentlich schon Michelle Rodriguez‘ Schmollmund hinter einem Steuer. Dass Regisseur Gray schon länger im Geschäft ist, merkt man an einem der schönsten Zitate der letzten Jahre, wenn Jason Statham mit Baby auf Chow Yun-Fat in „Hard Boiled“ (John Woo, 1992) machen darf. 8/10 Punkte.

Abteilung Action-Helden

Pound of Flesh
Ernie Barbarash, Kanada 2015, 104 Minuten
Jean Claude van Damme wird in Manila seine Niere geklaut (NICHT FRAGEN!), die eigentlich seine Nichte bekommen sollte. Die Zeit tickt. Interessante Prämisse, und auch wenn das niedrige Budget teilweise sein hässliches Haupt in einer lächerlichen Autoverfolgungsjagd und teilweise spuckend hässlichen Kulissen (schlecht ausgeleuchtete chinesische Lagerhallen, die Manila darstellen sollen) hebt: JCVD ist in blendender Form – obwohl seine Filmfigur ja eigentlich eine ordentliche OP-Narbe durch den Nierenklau hat.. – und es macht viel Spaß, ihm bei seinen Kicks zuzusehen. Für eine DVD-Premiere ein sehr ordentliches Machwerk. 7/10 Punkten.

Die Todeskralle schlägt wieder zu
(Way of the Dragon), Bruce Lee, Hong Kong 1973, 99 Minuten
Wiederbegegnung mit einem frühen Chuck Norris-Film, in welchem er einen amerikanischen Superkämpfer-Bösewicht darstellt, der sich im Finale mit Bruce Lee im Kolosseum zu Rom (bzw. vor deutlich erkennbar gemalten Hintergründen in einem Studio in Hong Kong) prügeln darf. Die Story? Bruce Lee reist von Hong Kong nach Rom um einem Restaurant auszuhelfen, das von Schutzgelderpressern bedroht wird. Für den Bruce Lee-Kult ist der Verfasser dieser Zeilen etwas spät geboren, trotzdem lässt sich nicht leugnen, dass dieser schon etwas holprig inszenierte Film von der großen Präsenz Bruce Lees lebt, dessen Kämpfe in ihrer Eleganz, Athletik, Grazie und schieren Durchschlagkraft heute noch eine hohe Faszinationskraft haben und den Film hervorragend altern lassen. Eher nervig sind die Stereotype, insbesondere in der kantonesischen Originalfassung gilt: Englisch=Böse, Kantonesisch=Heimat und gut. Natürlich hätte Chuck Norris in Wirklichkeit nie verloren, wie soll das gehen?! Aber im Film darf ja selbst Bruce Lee mal träumen. 8/10 Punkten

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Zwei Filmkritiken

Arrival (Denis Villeneuve, USA 2016, 117 Min)
Sehr schön gestalteter SF-Film um einen friedfertigen Alien-Besuch auf der Erde, der zwiespältige Gefühle weckt. Im vergleichbaren Kino-Umfeld ein herrlich unaufgeregter, intelligenter und interessanter Film in schönen Bildern – gleichzeitig ist es aber frustrierend, wie wenig sich die Macher an eine wirkliche Umsetzung der Themen (Determinismus, Wahrnehmung der physikalischen Gesetze, Sprache) in der brillanten und wunderschönen Novelle „Story of your Life“ von Ted Chiang heran getraut haben, die für „Arrival“ adaptiert wurde. Zumal sämtliche (durchaus sehr drastischen) Änderungen gegenüber der Novelle den Film konventioneller machen, als es notwendig gewesen wäre. Aber das war wohl Absicht. Sehenswert ist das alles durchaus trotzdem und vielleicht ist es auch gar nicht möglich, die mit Händen zu greifende Großartigkeit des vielleicht besten SF-Erzählers der Gegenwart in ein adäquates Kinoerlebnis zu transformieren. Das Resultat sind paradoxe Gefühle, wenn der Abspann von „Arrival“ läuft. Man ist zugleich zutiefst befriedigt ob eines gelungenen, schönen Films und unbefriedigt wegen des riesigen Abstandes in jeglicher Hinsicht zur ursprünglichen Novelle von Ted Chiang. 8/10 Punkte

Jack Reacher: Never go back (Edward Zwick, USA 2016, 118 Min)

Die vielen mäßigen bis negativen Kritiken verwundern – vielleicht fehlt vielen Menschen einfach die Dankbarkeit, endlich mal wieder einen gelungenen Mid-Level Thriller zu sehen, der sicherlich nichts Neues an den Tisch bringt, aber über knapp zwei Filmstunden blendend und rasant unterhält. Wer nicht ständig blöde Sprüche und Grinsen braucht, ist hier genau richtig, wenn Tom Cruise es mal von der Rolle vorgeschrieben bekommt, genau dies nicht zu dürfen. Gleiches Recht für alle: Da es unter Androhung von Shitstorms absolut Tabu ist, über die falsche Cup-Größe der Wonder Woman Darstellerin öffentlich zu reden, thematisieren wir hier auch nicht, dass Tom Cruise für die Rolle von Lee Childs Jack Reacher eigentlich ein bis anderthalb Köpfe zu klein ist. Begrüßenswert seine Souveränität (er ist auch Produzent – „A Tom Cruise Production“) sich klar die Show stehlen zu lassen von der atemberaubend großartigen Cobie Smulders (ja, die Maria Hill aus dem MCU), die eine Heldin spielt, an deren entschlossenen, harten Blick und toughen Moves man sich gar nicht satt sehen kann. So geht weibliche Heldin 2017!
Erstaunlich, was in den USA heute an knackenden Knochen und Filmblut bei einem PG-13 zulässig ist (bei uns ist der Film ab 16) und wirklich abartig, dass das Budget von 60 Millionen Dollar noch vor dreißig Jahren zum teuersten Film aller Zeiten gereicht hätte und heute fast in die Kategorie Low Budget gehört. Was dem Vergnügen an diesem herrlich gradlinigen Thriller keinen Abbruch tut. Leider lief der Film bisher nur mäßig gut (auch wenn er seine Kosten eingespielt hat), so dass von den bisher 21 Reacher-Romanen von Lee Child es wohl vermutlich bei diesen zwei Verfilmungen bleibt. Zumindest mit Tom Cruise. 8/10 Punkte

Gelesen: ‚Teufelsgold‘ von Andreas Eschbach

Teufelsgold: ThrillerTeufelsgold: Thriller by Andreas Eschbach
My rating: 5 of 5 stars

Es gilt nach wie vor: Bei Andreas Eschbach gibt es die Kategorien knapp/voll daneben oder Volltreffer/Großtat. „Teufelsgold“ zählt definitiv mal wieder zu letzterer Kategorie und reiht sich ein bei seinen vorzüglichen Romane wie „Das Jesus Video“, „Eine Billion Dollar“, „Ausgebrannt“ und „Herr aller Dinge“. Nach zwei eher mäßigen Romanen („Todesengel“, Der Jesus Deal“) läuft der Autor nun wieder zu Hochform auf in dieser Geschichte eines selbstständigen Seminarveranstalters, der seine Teilnehmer zum Reichtum an der Börse zu führen verspricht und seine Seminare mit leicht esoterisch-alchemistischen Überbau würzt. Eschbach verschränkt die Geschichte eines lebenshungrigen, gierigen Familienvaters, der sein Leben auf Blendwerk und Betrug aufbaut mit einer Fantasy-Geschichte aus dem Mittelalter um berühmte Alchemisten und den Stein der Weisen, der Unsterblichkeit verheißt. Ob letzteres nur in der Einbildung stattfindet oder ein phantastisches Element des Romans darstellt, löst der Autor sehr klar auf (in einem fulminanten Twist!), trotzdem ist das Buch natürlich auch als Metapher zu lesen.

Dabei kreuzt der Autor sehr geschickt die realistische Welt von Seminarräumen mit einer Abenteuer- und Queste-Geschichte. Aufgrund hervorragender Figurenzeichnung und dichter Atmosphäre kann man einmal mehr einen Eschbach praktisch nicht aus der Hand legen, fesselnder Page-Turner ist fast noch untertrieben.

Ferner merkt man deutlich eine Reifung des Autors: „Teufelsgold“ will nicht nur unterhalten, sondern stellt auch eine schneidend scharfe Kritik an (Lebens-)Gier dar, wobei es dem Autor vortrefflich gelingt, seine Moritat ohne erhobenen Zeigefinger auskommen zu lassen, während dem (Anti-)Helden sein Leben entgleitet und er zu immer drastischeren Maßnahmen greifen muss um die Reste davon zu retten. Wobei es für interessant ist, dass die Hauptfigur Hendrik Busske, dem die Leserschaft auf der Schulter sitzt, von Seite zu Seite unsympathischer wird, aus der zunehmenden Distanz wird viel Spannung gewonnen.

Wie häufig bei Eschbach ist gerade das Ende vorzüglich geraten: Sehr berührend, befriedigend, rund. „Teufelsgold“ ist ein hervorragend konzipierter, erzählter und durchdachter Roman.

Höchstwertung? Selbstredend.

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Wunderbar. Stephen Fry liest Sherlock Holmes. Komplett.

Eine schöne zeitliche Koinzidenz: Da lese, höre und sehe ich mich gerade dieses Jahr durch den kompletten Sherlock Holmes Canon von Arthur Conan Doyle, da gibt Audible bekannt, dass genau jetzt am 1. März eine große neue Komplettlesung von niemand geringerem als Stephen Fry veröffentlicht wird. Stephen Fry muss man niemandem mehr vorstellen, wobei in Deutschland vielleicht nicht jeder weiß, dass seine Stimme in England vor allem dafür bekannt ist, dass er (so wie Rufus Beck und Felix von Manteuffel bei uns) die Harry Potter-Romane als Hörbuch eingelesen hat (die britischen Fassungen, die US-Ausgabe liest Jim Doyle) und so wohl in vielen Kinder- und Wohnzimmern zu Hause war und ist.
Ich habe bisher die Holmes-Hörbücher mir von dem großen Shakespeare-Mimen Derek Jacobi vorlesen lassen, jetzt bin ich zu der Lesung von Stephen Fry umgestiegen. Seine höchst angenehme, klare und unaufdringlich-fesselnde Stimme hat was, man merkt, wie viel Freude dem lebenslangen Holmes-Fan dieses Projekt gemacht hat, in welchem er über 71 Stunden sämtliche vier Romane und 56 Kurzgeschichten eingelesen hat. Da ich Audible-Abonnent bin, kostete mich die sonst recht teure Sammlung lumpige € 9,95, bzw. gar nichts, weil gerade mein neuer Guthaben-Monat angefangen hatte. Oh je, schnell aufhören, ich wollte hier ja keinen Audible.de-Werbeblock veranstalten.
Also, an alle audiophilen Holmes-Fans: Unbedingt antesten!

http://www.ihearofsherlock.com/2017/03/stephen-fry-reads-complete-sherlock.html#.WL_CFjvhA2x

Gelesen: Die Krone der Sterne

Die Krone der SterneDie Krone der Sterne by Kai Meyer
My rating: 5 of 5 stars

Das ist natürlich Absicht: Wenn einer der bekanntesten deutschen Fantasy- und Jugendbuchautoren wie Kai Meyer seinen allererste Space Opera vorlegt und den Roman gleich vorne Leigh Brackett und Edmond Hamilton widmet, steckt dahinter wohl weniger Ehrerbietung und mehr ein klares Signal an die häufig gestrengen Genre-Fans, dass sie gar nicht erst versuchen sollen, hier mehr zu erwarten als eine Rückbesinnung auf die Pulp-Ära des Genres von so ca. 1925-1955 (puh, langer erster Satz). Und mehr ist „Die Krone der Sterne“ auch tatsächlich nicht, trotzdem ist das SF-Debüt von Kai Meyer spektakulär gelungen. Das aufgelegte Programm, ein durchgetretenes Gaspedal von der ersten bis zur letzten Seite durchzuhalten, funktioniert tatsächlich: Obwohl sich eine Action-Szene an die andere reiht, kommt kein Leerlauf auf – und wenn dieses dann doch drohen könnte, ist der Roman auch schon zu Ende. Zum Gelingen trägt die hervorragende Figurenzeichnung bei, die die (Klischee-) Figuren mit Leben füllt und die Leser gerne an ihren Abenteuern teilnehmen lässt, sowie der geschickte und phantasiereiche Weltenbau nebenbei, der ganz streng sich der Handlung unterzuordnen hat und nicht, wie es z.B. beim großen Bruder Perry Rhodan ist, wo es aus Umfanggründen sich exakt umgekehrt verhält. Gerade in der SF werden häufig Innovationswunder gefordert und verlangt. Dies ist hier nicht der Fall, trotzdem wird es sicher auch verwöhnten und sich schnell langweilenden Lesern so gehen wie dem Verfasser dieser Zeilen: Ich habe von vorne bis hinten jede einzelne der 460 großzügig gesetzten Seiten genossen. Bei den beiden angekündigten Fortsetzungen bin ich definitiv an Bord. Tipp: So sehr ich Ebooks liebe und praktisch finde, aufgrund der wunderschönen Gestaltung sei dringend der käufliche Erwerb der gedruckten Ausgabe anempfohlen.

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Blind Guardian singen für Markus Heitz

Die höchsten Weihen, die mal als Fantasy-Autor erreichen kann? Bestseller? Preise? Glühende Fans? Verfilmung von Peter Jackson?
Nein, da gibt es noch was.
Wenn Dein Roman als Computerspiel adaptiert wird UND, und das ist bisher einmalig in der Welt, niemand geringeres als Blind Guardian zu dem Soundtrack einen Song beisteuert – mehr Weihen und mehr Coolness ist schwerlich vorstellbar.
Blind Guardian, die nur noch höchst selten ein neues Album raushauen und sowieso eigentlich alles allen bewiesen und nichts mehr nötig haben. So geschehen bei dem Spiel zu den „Zwergen“ von Markus Heitz. Da ist es dann fast egal, ob der Blind Guardian-Song auch was taugt. Aber, ganz ehrlich? Ich finde den Song toll, da hat es bei mir schon beim ersten Durchhören klick gemacht. Eine der sogar definitiv guten Hymnen in der wahrlich majestätischen Discografie der Band. Chapeau, der Killer-Refrain von Hansi Kürsch wird mich die nächsten Wochen sicher häufiger begleiten.
Nur eine Misslichkeit gilt es noch zu beseitigen: Ich hoffe, es ist schlicht Tranigkeit von THQNordic und nicht falsch verstandene Exklusivität, dass der Soundtrack noch nicht separat veröffentlicht wurde. Bei GOG.com und Steam kann man den nur zusammen mit dem Spiel runterladen, auf Amazon Music oder iTunes gibt es den noch gar nicht.
Ruhig mal reinhören! Ich fand den Song gestern kurz vor dem Einschlafen und konnte dann prompt dieses erstmal nicht, weil ich mich so darüber gefreut habe. Kein Witz.

Aus für den ‚film-dienst‘

Das war es dann wohl. Nach 25 Jahren Abo werde ich den film-dienst nächstes Jahr nicht mehr alle zwei Wochen im Briefkasten finden. Nein, ich entziehe meine Liebe nicht, die Zeitschrift wird eingestellt. Trotz zuviel bunt, überhand nehmender Portraits nicht so wichtiger Filmschaffender (Schauspieler) und mir persönlich zu viel Linksdrall die letzten Jahre (da hat man sich der epd angepasst), fühlte ich mich nach wie vor gut informiert alle zwei Wochen. Und werde diese Institution deshalb sehr vermissen.

Immerhin bleibt die Online-Datenbank, eine der vermutlich besten der Welt. Dafür würde ich sogar weiter zahlen.

http://mobil.ksta.de/kultur/fachzeitschrift-rettung-des–filmdienstes–ist-gescheitert—kritik-an-kirche-25220124?originalReferrer=https://www.google.de/

Gelesen: Winnetou – Eine neue Welt von Tinka Edel

Winnetou - Eine neue WeltWinnetou – Eine neue Welt by Tinka Edel
My rating: 3 of 5 stars

Was ist das hier? Dies ist eine Jugendbuch-Adaption des ersten Films des großen RTL-Dreiteilers, der Karl Mays Winnetou-Trilogie an Weihnachten 2016 „neu interpretiert“, geschrieben von Tinka Edel. Zugegeben, zumindest als Fan von Karl May und/oder Winnetou braucht es einige Überwindung, bis man so ein Buch mit einem auch noch abscheulich gestalteten Trash-Cover zur Hand nimmt, denn warum muss eine Dame namens Tinka Edel den Winnetou-Stoff neu erzählen, wenn doch das Original des Maysters ebenfalls greifbar ist und immer noch reichlich aufgelegt wird? Abgesehen ggf. von Rechtsgründen?

Bei diesem Buch sind Licht und Schatten sehr klar verteilt, sortieren wir mal und fangen mit den positiven Merkmalen an:

Trotz des Trash-Covers, trotz der Tatsache, dass die Autorin bisher nur Credentials als Pferde-Autorin aufweisen kann, zunächst Entwarnung: Tinka Edel kann zumindest ordentlich und routiniert schreiben, das Buch liest sich flüssig und flott weg und ist sprachlich zumindest annehmbar. Das ist schon mal viel wert.

Dann: Ja, es wird deutlich von der Vorlage abgewichen, das ist aber nun mehr als vertretbar, denn Karl May selbst hat seine Stoffe immer wieder überarbeitet und sogar testamentarisch verfügt, dass die Bücher auch von Dritten überarbeitet werden dürfen, eine Möglichkeit, von welcher auch der Karl May Verlag (der hiermit nichts zu tun hat) seit 100 Jahren reichlich Gebrauch gemacht hat. Auf dem Weg von Karl Mays „Winnetou I“ hin zu „Winnetou – Eine neue Welt“ von Tinka Edel wurde insbesondere Mays doch sehr ausufernde Erzählung stark verkürzt und geglättet, diverse Indianer-Stämme gestrichen und die unzähligen Gefangennahmen und Kämpfe auf wenige reduziert, wie auch die Figuren. Das berühmte Westmann-„Kleblatt“, welches Old Shatterhand zur Seite steht wird auf eine Person eingedampft, Sam Hawkens natürlich, und dieser tritt auch nur am Rande auf, wenn ich mich nicht irre (und „hihihi“ sagen darf er auch nicht mehr). Die Bösewicht-Rolle wird von dem Gauner Santer auf den Vorarbeiter Rattler übertragen, der im Buch eine unrühmliche Rolle am Marterpfahl spielt, hier aber sogar zum Mörder von Winnetous Vater transformiert wird (für wen das nach über 100 Jahren ein Spoiler ist – sorry, verloren, Pech gehabt!) – aber nicht, und das ist eigentlich die radikalste Abkehr von Karl Mays Original: Dies haben sich nicht mal die Kinofilme der 60er Jahre getraut: In „Winnetou – Eine neue Welt“ überlebt die sich in Old Shatterhand verliebende Ntscho-tschi, Winnetous Schwester! Sie stirbt nicht wie bei Karl May oder Lex Barker und Pierre Briece tragisch und darf hier somit an der Seite von Old Shatterhand weitere Abenteuer erleben. Dies ist sogar eine sinnvolle Änderung, da Karl Mays Original-Stoff fast völlig ohne große Frauenfiguren auskam – da May zwar im wirklichen Leben sehr viel mit Frauen anfangen konnte, häufig aber nicht in seinen großen Abenteuer-Epen für Jungs.

Fängt die Ausgangskonstellation des Buches und die ersten Szenen noch sehr ähnlich an, wie in Karl Mays Original, wird dann spätestens ab der Mitte deutlich abgewichen, hier hat „Winnetou – Eine neue Welt“ dann inhaltlich faktisch nichts mehr mit dem Original „Winnetou I“ zu tun, aber, was solls? Was viele Fans immer gerne vergessen: Das hatten die Kinofilme der 60er auch nicht. Auch diese waren im wesentlichen nur „frei nach Karl May“ erzählt, so dass dieser neue RTL-Film, auf dem dieser Roman beruht, dies natürlich auch für sich in Anspruch nehmen darf. Und wir auf eine originalgetreue Verfilmung weitere Jahrzehnte warten dürfen.

Soweit die positiven Seiten, nunmehr die hässlichen und negativen:

Diese neuen Winnetou-Stoffe sollen laut Verlags-Eigenwerbung „zeitgemäß und spannend“ die von Karl May erdachte Handlung neu interpretieren, und da schießen sich die Macher dann schon etwas mit dem Henry-Stutzen in den Fuß: Der Karl May Verlag wird damit zitiert, dass die neuen Filme, auf welchen diese Kosmos-Bände basieren, nicht „frei nach, sondern frei von“ Karl May sein sollen. Das stimmt leider, und dann stellt sich schon die Frage: Warum Karl May neu erzählen, wenn man all das streicht, was einen Karl May-Roman so schön und besonders macht? Winnetou und Old Shatterhand sind hier nicht mehr die Proto-Superhelden, die alles können und wissen, schon die ganze Welt bereist haben und das alles, obwohl sie nicht mal dreißig sind, nein, hier sind Old Shatterhand und Winnetou ziemlich normale Helden mit normalen Fähigkeiten; Old Shatterhand bringt Winnetou das Boxen bei, Winnetou Old Shatterhand das Anschleichen. Mehr nicht. Na prima. Das mag realistischer sein, die verträumten Jungen-Allmachtphantasien, die den speziellen Reiz und den Riesen-Erfolg von Karl May ausmachten – weg. Old Shatterhand ist hier auch nicht mehr ein moralisch weit überlegender, gläubiger Christ, nein, er ist getauft, glaubt aber ansonsten „nur an die Vernunft“. Wie modern. Wie unendlich, unendlich langweilig aber auch. Vor allem passen dann gerade im Finale einige Handlungselemente nicht mehr: Warum sollten die auf Rache sinnenden Apachen die Bösewichte so verschonen?!
Einige Ecken und Kanten von Mays Stoffen wurden ebenfalls getilgt, ungerührt auf Pferde wie Ende des 19. Jahrhunderts schießt hier niemand mehr, und am schlimmsten: Alles, was den besonderen Charme des Maysters ausmachte, alle Skurillitäten, alles Spinnerte (wie ein Zauberwort, so dass ein Pferd wie ein Pfeil davon schießt), aller Humor, alle Liebenswürdigkeit der Figuren, alle Verhandlungen über Moral und Ehrgefühl, alles weg. Ein nüchterner Winnetou für unser nüchternes Zeitalter der Behördenbescheide auf grauem Umweltpapier – in eine andere Welt träumen, wie es früher mit dem Mayster problemlos möglich war, fällt hier sehr schwer. Sind dies alles eher Mängel, die Fans und Lesern von Karl May stören werden, gibt es aber auch ein objektives, großes Problem: Dies ist ein Jugendbuch, in welchem die Autorin zu einer gewissen Kürze streng verdonnert war. Vermutlich ist der über zweistündige Film sogar ausführlicher als dieser Roman, der so verknappt ausfallen musste, dass er teilweise, und das ist schon übel, sich nicht wie ein kurzer Roman liest, sondern eher wie eine sehr lange Zusammenfassung eines Romans. Alle Ereignisse der Handlung werden verhältnismäßig schnell und nüchtern abgehandelt, mit Details gespart, Verweilen ist nicht. Es kann nicht die Aufgabe von Zusammenfassungen sein, Emotionen und Aufregung eines Stoffes zu vermitteln, dies wirkt sich aber hier fatal aus, denn beides bleibt so hinter einer Plexiglasscheibe für den Leser unerreichbar.
Angesichts des Covers und der Vorgaben hätte der Roman eine richtige große Katastrophe werden können, das ist er nicht. Empfehlenswert ist er aber auch nicht sonderlich, denn „zeitgemäß“ heißt hier einfach nüchtern und langweilig, und „spannend“ stimmt einfach nicht, weil der Stoff dafür zu sehr verknappt werden musste um atmen zu können.
Somit kann das Buch neben Anhängern des TV-Films eigentlich nur sehr neugierigen Winnetou- oder Karl May-Komplettsammlern empfohlen werden, denn ob Jugendliche, die heute in der Regel keinerlei Bezug mehr zu Westernstoffen haben, zu diesem vorgeblich „zeitgemäßen“ Buch greifen, dürfte sehr fraglich sein.

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Gehört: „Hardwired…to Self-Destruct“ von Metallica

12 Tracks, 77 Minuten (2 CDs)
26 Tracks, 158 Minuten (mit 3. Bonus Disc)

Was kann es besseres geben, als auf eine knapp einstündigen Dienstreise nach Bremen ein neues Metallica-Album im Auto hören zu können? Sowas hat dann u.a. zur Folge, dass man in einem Stau der einzige mit fröhlichem Gesicht ist, weil durch die künstlich verlängerte Fahrt man sich mehr auf das Album konzentrieren und dieses durchhören kann. Denn das Album ist etwas ganz besonderes, noch Jahre später lief bei mir „Death Magnetic“ regelmäßig.
Ja, ich rede nicht von heute, sondern vom 12 September im Jahres des Herren 2008. Heute, acht Jahre später, erscheint nach ewiger Funkstille endlich das neue Album von Metallica namens „Hardwired to self-destruct“ – und ausgerechnet heute musste ich wieder nach Bremen, was in der Regel allenfalls 5-10x im Jahr vorkommt. Das muss also etwas heißen. Fragt sich nur was. Ein Zeichen? Wie dem auch sei, nach acht langen, langen, langen, langen Jahren und dem ständig von Metallica in Interviews herumtrompeteten Anspruch, dass man aus Hunderten von Songs die besten auswähle und es gar nicht perfekt genug sein könne, hängen die Erwartungen natürlich turmhoch, Minimalziel Next Level Shit™, am besten gleich Jahrhundert-Offenbarung.

Und, was soll ich sagen? Mal abgesehen von einer Jahrhundert-Offenbarung wurden meine gewaltigen Erwartungen erstaunlicherweise tatsächlich erfüllt. Auf der ersten CD finden sich die drei schon recht ordentlichen Single-Auskopplungen, also neben dem Titeltrack „Moth into Flame“ und „Atlas, Rise!“, sowie das auch sehr gelungene „Now That We’re Dead“ und der wuchtige Abschluss der ersten CD „Halo on Fire“. War da der Grad der Zufriedenheit schon groß, startete dann die zweite CD – und hier dann die richtige Begeisterung. Es folgt mit „Confusion“, „ManUNkind“, „Here Comes Revenge“ und „Am I Savage“ Brett auf glücklich machendes Brett, alle groovy as f**k und das Pendel schlägt aus von „ordentlich“ auf „sehr gut“.

Aber die entscheidende musikalische Frage hat die Band bis dahin noch nicht beantwortet, die Kernfrage jeglicher Musik, die Frage, die Künstler und Musikliebhaber seit Jahrhunderten beschäftigt: „Kommt noch eine richtige, so richtige Abrissbirne?“ Und zu unserem oder zumindest meinem großen Glück: Sie kommt. Hielt sich die Band meist auf dem neuen Album eher im Mid-Tempo Bereich auf (nach Metallica-Geschwindigkeit gemessen) folgt dann mit dem allerletzten Track tatsächlich noch eine gloriose Abrissbirne: „Spit Out The Bone“, 7 Minuten und 9 Sekunden lang fast durchgehend ungezügeltes High Speed Geballer – der Track wird da teilweise fast nachgerade unfair, weil man eigentlich nicht weiß, womit man so viel Glück verdient hat. Ich war wirklich überglücklich, als ich das Ding das erste Mal hörte.

Und dann folgt auf der Deluxe-Edition noch eine dritte CD mit 14 weiteren Tracks, darunter der vor einiger Zeit als Single veröffentlichte, gute Track „Lords of Summer“ (mit gänzlich anderem Sound als das neue Album), drei Coverversionen und ein Mittschnitt von einem Live-Konzert am Record Day.
Ja, Menschen mit Distinktionsbedürfnis tun sich beim Mögen von Metallica immer etwas schwer, weil die „jeder“ mag, das mag aber einfach auch Gründe haben. Hier ist einer: Die Wartezeit von acht Jahren hat sich tatsächlich gelohnt, „Hardwired to self-destruct“ ist ein großer, epochaler Wurf mit 12 wuchtigen langen Songs, verteilt über gut 77 Minuten. Sehr wuchtig produziert und ein Glück vom Loudness War von „Death Magnetic“ weit entfernt.
Und jetzt ist genug geschrieben, jetzt wird „Spit out the Bone“ auf Dauer-Repeat geschaltet. Gibt es noch was zu sagen? Nein. Doch. Heute war kein Stau von und nach Bremen.

Lesesplitter Anfang November 

Aus meinem Lesestapel picke ich heute mal folgende Bücher raus, an denen ich gerade lese und erzähle kurz davon:

Normalerweise kaufe ich Bücher nur ungerne beim Autor direkt, bei „Dracula vs. Hitler“ von Patrick Sheane Duncan habe ich aber eine Ausnahme gemacht und dieses direkt bei dem Autor auf Inkshares erworben, hier: https://www.inkshares.com/books/dracula-v-hitler
Der Roman liest sich erfreulich gut an, das ist trotz Nazis vs. Phantastisches Element nicht der auch mögliche luschtige Pulp-Trash, sondern ein eher „seriöser“ Abenteuerroman, der eine respektvolle Verbeugung vor Stokers großem Klassiker sein will (Abraham Van Helsing, seine hübsche und als Kämpferin furiose Tochter und der Enkel von Jonathan Harker sind die Helden), gleichzeitig aber in erstaunlich ernsthafter Historizität und Grimmigkeit Massen-Exekutionen der SS-Besatzer in Rumänien aus Sicht der Partisanen schildert. Offensichtlich will der Autor Duncan die Dracula-Figur (die nach knapp einem Fünftel des Romans noch nicht richtig aufgetreten ist) in ein halbwegs ernstzunehmendes historisches Setting einbinden – das könnte interessant werden und ist mir alle mal lieber, als der nächste Nazis auf dem Mars/Mond oder sonstwo-Quatsch.

Da es im Moment mein einziges Print-Buch ist (Rest: Alles Kindle), habe ich mal ein Bild von Doktor Faustus von Thomas Mann angefügt. Der Roman macht mir immer noch großen Spaß, nach einem guten Fünftel hat die faustische Handlung noch gar nicht richtig angefangen: Thomas Manns Spätwerk will auch ein Bildungsroman sein und wir befinden uns zeitlich gerade noch in der Studentenzeit des Erzählers und des Komponisten Leverkühn, der das Zentrum der Handlung ist. Thomas Mann hatte offensichtlich furchtbar viel Spaß dabei, schrullige Uni-Professoren und deren Macken zu schildern, der Spaß bei dieser Art „Pennälerstoff“ überträgt sich ungebrochen auf den Leser. Ich komme manchmal aus dem Grinsen nicht heraus. Interessant ist natürlich, dass diese Beschreibungen erstaunlich dicht und stimmig sind, obwohl Mann den Unibetrieb ja nur als Gastdozent kannte und als zertifizierter Schulabbrecher mit Weg hin zum Nobelpreis nie selbst Student war..

Immer noch ein großes Vergnügen für mich ist das Fantasy-Epos (TV-Rechte verkauft!) „The Grace of Kings“ von Ken Liu, dessen noch dickerer Nachfolger ja gerade erschienen ist. Der recht komplexe Roman liest sich fordernd, dafür wird man aber mit wunderbar lebendigen Figuren und atmenden Szenen belohnt, praktisch jede Seite ist eine große Freude. Ich stelle allerdings an mir selbst fest, dass ich bei den vielen Willkür- und Gewaltexzessen, die die handelnden Despoten begehen, ganz schön schlucken muss. Vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter einfach zu weich für sowas.

Ich lasse mir Zeit und habe Langmut, Anfang Februar diesen Jahres habe ich den 2.600+ Seiten Kolportage-Roman Wälzer „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“ von Karl May angefangen, kürzlich habe ich die Seite 1.000 überschritten – und an aufgeben ist nicht zu denken: Vielleicht auch gerade durch die Portionierung, ich habe in über 1.000 Seiten noch keine einzige Seite, ja noch keinen Absatz gefunden, bei dem ich mich gelangweilt habe. Kein Wunder, dass Mays Roman im 19. Jahrhundert so erfolgreich war (wohl der erfolgreichste Kolportage-Roman überhaupt), dieses übervolle Füllhorn an Abenteuern mit allem, was das Herz begehrt: Räuber, Piraten, Grafen, Schurken, Indianer, strahlende Helden, die alles können und wissen, vollbusige Schönheiten (deren Busen immer „wogt“ – Mays Lieblingswort, was ihm der Karl May Verlag in der späteren und heute noch lieferbaren, gründlich umgestellten fünfteiligen Buchausgabe schnöde strich – ich lese natürlich das Original von damals!) und einer spannenden Intrige, Actionszene und Rettung in letzter Minute nach der anderen. Da kann man wirklich ins Schwärmen kommen, hach ist das alles schön. Schön auch, dass durch das Alter des Stoffes einige Kanten nicht abgeschliffen sind: Der Held schießt schon auch mal auf Pferde, oder mal eben 30(!!) Räuber auf einmal über den Haufen. Die Lesegeschwindigkeit habe ich deutlich heaufgesetzt: Der Roman wurde damals in 109 Lieferungen (=ungefähr 25 DIN A 5-Seiten..) verbreitet, ich fing mit einer Lieferung die Woche an, und bin inzwischen regelmäßig bei 2-3 Lieferungen die Woche, die lese, im Moment Lieferung 45 von 109. Und dass ich noch über 1.600 Seiten vor mir habe, erfüllt mich nicht mit Angst, sondern mit großer, wogender Wonne.

Deutlich, ja drastisch kürzer ist die Trilogie mit drei Kurzromanen, ja Novellen, des historisch sehr bewanderten und aktiven Thomas Ostwald aus dem Blitz Verlag, der Karl Mays urheberrechtfreien Helden Old Shatterhand in Norddeutschland ein Abenteuer unter deutschen Auswanderern erleben lässt. Ganz ehrlich, dieser kurze Auftakt-Band (keine 120 Seiten in der Print-Ausgabe) hat mich richtig begeistert, denn der Autor trifft ganz exakt und fabelhaft den Tonfall von Karl May und die Auswanderer-Atmosphäre ist zum Schneiden dick. Ich fiebere den Fortsetzungen entgegen. Ach ja, wie der Band heißt: „Karl Mays Old Shatterhand – Neue Abenteuer 01: Aufbruch ins Ungewisse“.
Ach ja II: Nein, es ist nicht ungewöhnlich, den Westmann Old Shatterhand in Deutschland ein Abenteuer bestehen zu lassen, das hatte der Mayster auch schon getan.

Dann noch kurz zu einigen Novellen:

Ich lese mich im Moment durch den Band „The Year’s Best Science Fiction & Fantasy Novellas, 2016 Edition“ von Paula Guran, der mit dem preisgekrönten „Binti“ von Nnedi Okorafor anfängt. Begeisterte mich die Novelle zunächst durch ihre tolle Sprache und die wunderbare namibische Heldin aus dem Volk der Himba, mündet das alles in eine allzu gewöhnliche Alien-Contact Geschichte. Trotzdem: Anfang des Jahres veröffentlich die Autorin eine von zwei Fortsetzungen, die dann nicht im All, sondern bei der Familie der Heldin in Afrika spielen soll (heißt dann auch: Binti: Home), vielleicht schaue ich da trotzdem noch mal rein, denn sprachlich ist Okorafor schon berückend.

Die Bookshots genannten Kurzromane von James Patterson haben was, einfach ein kurzer, netter Spannungs-Fix, den man in einer Stunde gut durch hat. Gelesen habe ich „The Women’s War“ von James Patterson & Shan Serafin, der zwei weibliche Heldinnen einer Kampfeinheit gegen einen Drogenbaron antreten lässt. Ein düsteres, brutales, aber spannendes und tempo- und actionreiches Kurz-Abenteuer. Hatte was.

Nach über 15 Jahren Abstinenz bin ich durch die gerade auf Tor.com veröffentlichte Novelle „The Loud Table“ mal wieder auf Jonathan Carroll gestoßen. Die Story erzählt von einem Altherren-Stammtisch, welchen der Autor dafür nutzt, ganz wunderbare Beobachtungen über das Älterwerden einzustreuen, bis die kurze Geschichte (keine 25 Seiten) mit einer überraschenden Phantastik-Pointe endet. Wenn ich als SF&F&H-Leser diese Pointe als unnötig empfinde, liegt was im Argen. Trotzdem: Lesenswerte Geschichte. Schön, mal wieder was von Carroll gelesen zu haben. Habe seinen Stil vermisst, glaube ich, muss mal seine letzten Romane irgendwann nachholen.

Das war es für heute. Kommentare, Lob und Kritik wie immer sehr willkommen.