Literatur

Im Herbst mal John Sinclair lesen

Ein treuer und großer Fan von John Sinclair war ich nie. Trotzdem hat mich die Figur mein Leben lang irgendwie begleitet, auch wenn ich nie viel oder fast nichts von John Sinclair gelesen habe; die phantastischen Elemente waren mir immer zu willkürlich und Rellergerds ABC-Schützen-Schreibstil nicht mein Fall. Ziemlich gerne habe ich Anfang/Mtte der 80er allerdings die Hörspiele des Tonstudio Braun gehört, auch und gerade, weil die heute eher amüsant-belustigend wirkenden harmlosen Schlüpfrigkeiten mich als vorpubertären Jugendlichen noch leicht überfordert hatten. Seit ich Anfang diesen Jahres mit ziemlicher Wucht wieder Hörspiele für mich entdeckt habe, höre ich gerne und häufig die bei Lübbe Audio erscheinenden neuen (naja, gibt es auch bald 20 Jahre..) Sinclair-Hörspiele, die mir in ihrer flotten und gekonnten Machart sehr zusagen, so dass ich inzwischen zu den regelmäßigen Käufern jeder Neuerscheinung zähle. Und auch in die wiederveröffentlichten Tonstudio Braun-Folgen gerne wieder reinhöre. So habe ich beides: Den Retro-Charme der alten Hörspiele und die neuen Hörspiele, die zeigen, dass die Serie John Sinclair cool und tight sein kann.

In den nächsten Monaten werde ich sogar, deshalb schreibe ich das hier, vermehrt Sinclair lesen, denn es erscheinen einige sehr bemerkenswerte Romane. Zunächst (Ende September) zwei interessant klingende Sonderbände, einmal ein Zweiteiler namens „Oculus“ von Wolfgang Hohlbein, der Sinclair als postapokalyptisches, weltumspannendes Fresko neu erzählt. Dann ein Roman namens „Brandmal“, den Sinclair-Regular Florian Hilleberg (Pseudonym Ian Rolf Hill) mit dem bekannten medizinische Forensiker und TV-Promi Dr. Mark Benecke verfasst, und jetzt komm es, das finde ich wirklich bemerkenswert: Benecke ist 1. Co-Autor, 2. tritt im Roman selbst als Figur und Ermittlungspartner von John Sinclair auf und 3. vertont sich wohl im zum Roman erscheinenden Hörspiel auch noch selbst! Wow, was für eine Personalunion! Das hört sich sehr lässig an, das muss ich mal antesten.
Im Januar 2018 werde ich dann gespannt mal reinlesen in „John Sinclair – Dead Zone“ von Dennis Ehrhardt (kommt, warum auch immer, nicht bei Lübbe, sondern bei Fischer/TOR?!), der ja auch für die Hörspielserien verantwortlich zeichnet und als Showrunner von Dorian Hunter längst ein Grusel-Veteran ist. Dead Zone ist, nachdem Perry Rhodan und Jerry Cotton („Neo“ resp. „Reloaded“) es vorgemacht haben, der (überfällige?) Reboot der Serie. Auch hierzu werden Hörspiele erscheinen, die sich, ist ja schwer ‚in‘, in „Staffeln“ gliedern werden. Ob „Dead Zone“ der Serientitel oder nur der Titel der ersten Staffel ist, weiß ich noch nicht.

Der Serie John Sinclair scheint es nach wie vor ziemlich gut zu gehen, sonst würde das Produkt-Universum wohl nicht so expandieren: Neben der Hauptserie (mit drei laufenden Hörspielserien als Begleitung) gibt es ja auch noch drei Spin Ofs: 1. Die Nachwuchs-Serie „Sinclair Academy“ (auch als inszeniertes Hörbuch), 2. der Spin-Of um Bill und Sheilas Sohn Johnny Conolly namens „Dark Land“ (spielt in einer anderen Welt) und 3. sporadisch einzelne Romane als Mini-Reboot modernisiert nacherzählt auf Englisch, auch dazu gibt es schon ein paar englische Hörspiele.

In diesen Serien-Universum kann man also sehr tief eintauchen, wenn man möchte. Immer gemach, erstmal die erwähnten Neuheiten antesten.

Ich lese gerade

Vorrede
Fangen wir zwei Mal mit dem Wort eigentlich an. Eigentlich sitze ich schon sehr lange an einem großen Artikel über Hörspiele, dieser wird und wird aber einfach nicht fertig. Ferner hatte ich eigentlich mehr eine Kolumne à la „Olis Kulturnotizen“ mal vor, um die Bereiche Musik, Film und Buch gleichberechtigt abbilden zu können, jetzt ist doch wieder nur ein Leseschwerpunkt daraus geworden, was vielleicht aber auch nicht so schlimm ist, da ich ja immer mal wieder auch Filmkurzkritiken schreibe und zumindest auf Facebook immer mal wieder auf interessante Musikerzeugnisse aus meinen präferierten Genres (Hip Hop, Metal, Electronica) hinweise.

Also, was lese ich im Moment?

Nach wie vor halte ich es so, dass ich diverses nebeneinander lese, was sich sehr bewährt hat, weil ich so unter dem Strich einfach mehr ‚schaffe‘, als wenn ich mich nur auf ganz wenige oder auch nur ein Buch am Tag konzentriere.

Mit viel Freude lese, höre und sehe ich mich im Moment durch den Kanon von Sherlock Homes von Sir Arthur Conan Doyle einmal von vorne bis hinten durch, was ich so vollständig und systematisch noch nie gemacht; auch wenn ich natürlich unzählige Filme, Hörspiele und andere Pastiche-Erzählungen immer mal wieder in meinem Leben genossen habe.
Im Vergleich finde ich hochinteressant, wie das Bild auf Holmes‘ Koprus durch die aktuellen Verfilmungen sich anders gestaltet, als es von Conan Doyle vermutlich gedacht war. So finde ich es bemerkenswert, dass kaum eine moderne Film- und auch andere Erzählung ohne Irène Adler auskommt, die offensichtlich die Phantasie der Autoren beflügelt und häufig als Holmes Geliebte dargestellt wird. Sicher, geschenkt, wenn ein Autor eine Figur in die Welt entlässt, hat sie jedes Recht ein Eigenleben zu entwickeln, auch wenn der Autor das so nicht vorgesehen hat. In diesem Fall Irène Adler ist das Missverhältnis aber besonders krass.
Nicht nur, dass heutzutage Irène Adler häufig als gleichberechtigte Figur neben Holmes eingeführt wird und fast immer sein Love Interest ist, was man ja gerne so machen kann, was aber nun sicherlich nicht von Conan Doyle so vorgesehen war. Denn bei ihm taucht Irène Adler gerade mal in einer einzigen Geschichte auf, auch wenn sie in dieser Geschichte eine der ganz wenigen Menschen (und dann auch noch eine Frau, was der Geschichte einer protofeministische Note gibt) ist, die Sherlock Homes sogar mal in einem geistigen Wettbewerb besiegt hat. Warum diese Figur aber sicherlich nicht so intendiert war, wie sie heute häufig eingesetzt wird, macht die Geschichte „Ein Skandal in Böhmen“ mehr als deutlich: Nicht nur, dass Irène Adler wohl kurz nach der Geschichte bereits verstorben ist, nein, sie ist insbesondere deswegen nicht als Love Interest des großen Detektives geeignet, weil sie in dieser Geschichte einen in Verkleidung sich herumtreibenden Holmes dazu nötigt, Trauzeuge auf ihrer Hochzeit zu sein, auf welcher sie offensichtlich glücklich einen anderen Mann heiratet. Tja.
Noch eine amüsante Holmes-Beobachtung: Wir alle wissen, dass man Wikipedia und co. nicht immer trauen darf. In diesem Fall darf man zwar mal der offiziellen Wikipedia trauen, aber nicht der speziellen und ansonsten eigentlich sehr guten Sherlock Homes Wiki auf Deutsch, die sich eine bemerkenswerten Lapsus leistet. In der berühmte Geschichte „Die fünf Orangenkerne“, die für Sherlock Holmes eher unbefriedigend damit endet, dass die Täter auf hoher See untergehen, folgt die Zusammenfassung in der Holmes Wiki eben nicht der Conan Doyle-Geschichte, sondern ohne dies gesondert zu kennzeichnen, der Maritim-Vertonung(!), hier:
http://de.sherlockholmes.wikia.com/wiki/Die_f%C3%BCnf_Orangenkerne:_Inhaltsangabe
Die dort beschriebene Konfrontation zwischen Holmes und den Verbrechern im Finale findet nur im Hörspiel von Maritim statt, nicht in der Original-Geschichte. Der offizielle Wikipedia Eintrag gibt die Geschichte dahingegen korrekt wieder. Warum erzähle ich das hier und passe den Wiki-Eintrag nicht einfach an? Weil ich genug Erfahrung mit solchen Wiki-Admins gemacht habe, die stumpf-blockwartmäßig einfach jeder Änderung rückgängig machen, ohne sich in der Sache damit auseinander zu setzen.
Gerne werde ich weiter in Conan Doyles Werk weiter voranschreiten, wobei ich inzwischen die Verfilmungen zeitlich abgekoppelt habe, weil ich sonst nie damit zu Potte, geschweige denn hinterher kommen würde. Im Moment mache ich es so, dass ich mir jeweils eine Original-Geschichte von Steven Fry bei Audible vorlesen lasse, und dann die jeweiligen Hörspiele der BBC, des Imagination Theater (USA), sowie 2-3 deutsche Vertonungen mir anhöre, meist eine Radiovertonung (sofern vorhanden), sowie die Hörspiele von Maritim, Titania Medien oder WinterZeit.

Ich hatte auch schon mal erzählt, dass ich mich im Moment durch sämtliche fast 180 Edgar Wallace-Bücher durchlese. Nach gut 30 Bänden mache ich jetzt einmal eine Pause – verlasse aber den Namen Wallace nicht, sondern beschäftge mich jetzt mal mit den, nennen wir sie mal apokryphen Jugendbüchern, die es mit dem Namen Wallace auf dem Cover gibt.
Was hat es damit auf sich und wie komme ich darauf?
Schuld sind die neuen Hörspiele von Winterzeit Audio, die aktuell die sechs Jugendbücher, die in den Achtzigern verfasst von Dietmar Kuegler erschienen, vertonen. Durch diese Hörspiele zur Recherche angeregt, kam ich schließlich darauf, dass es in den Achtzigern sage und schreibe vier(!) verschiedene Jugendbuch-Serien gegeben hat, die sich mit dem Namen Edgar Wallace schmückten. Dazu kam es Anfang der 80er, weil zum einen der Name Edgar Wallace durch die ganzen TV-Wiederholungen der Rialto-Serie noch sehr populär war und wohl gerade die Schutzrechte für seinen Namen abgelaufen waren. Ferner waren in den Achtzigern Jugendkrimis mit einer Detektiv-Bande à la Die Drei Fragezeichen und TKKG schwer in Mode und höchst erfolgreich, so dass es wie bei Alfred Hitchcock bei den Drei ??? auch Edgar Wallace als eine Art Patron und Mentor für Jugenddetektive fungieren in solchen Geschichten durfte, was manchmal schon sich etwas bizarr liest und anhört. Während bei den eben schon erwähnten Werken von Dietmar Kuegler, die kürzlich beim Blitz Verlag gedruckt und als EBook wieder aufgelegt wurden, und wie gesagt, gerade aktuell bei Winterzeit vertont werden, sich ein Kriminalkommissar von den Werken von Edgar Wallace inspirieren lässt für seine Lösungen, gab es auch Reihen, in denen tatsächlich Jugendliche von Edgar Wallace selbst als Mentor unterstützt wurden, der teilweise als Geisterstimme in brenzligen Situationen Warnungen aussprach (eh?! Ja, so steht es geschrieben!) So unter anderem die Reihe Edgar Wallace und der Fall..von Felix Huby & co. , die es in den Achtzigern auf acht Bände brachte, von denen damals immerhin vier von Karussell vertont worden. Diese Hörspiele wurden Anfang 2000 von Universal auf CD neu aufgelegt und von den acht Abenteuern sind immerhin drei auch wieder als EBook erhältlich, wäre die restlichen fünf gedruckt nur gebraucht zu bekommen sind.
Ferner gab es noch eine Reihe Namens „Das silberne Dreieck“, die es immerhin auf 15 Bände gebracht hat, von welchen fünf inzwischen wieder als E-Book vorliegen, sowie schließlich eine Reihe namens „Edgar Wallace jagt das Phantom“, von denen ungefähr eine Handvoll Bände erschienen. Einen Teil davon hatte ich als Jugendlicher mal in der Hand, das weiß ich. Zu diesen immerhin vier Serien könnte man, wenn man wollte, noch einige der offiziellen Maritim Hörspiele zählen, denn deren 16 Edgar Wallace-Hörspiele wurden in vier Staffeln à vier Hörspiele aufgeteilt, mit jeweils wechselnden Helden und in einer dieser Staffeln ganz bewusst Jugendliche in die Handlungen der Originalromane hinein geschrieben. Sehr gekonnt und gelungen übrigens.

Da ich im Moment große Lust auf solche Jugendkrimis habe, und auch ehrlich gesagt, weil Edgar Wallace Romane so hinter einander sich schon etwas gleichförmig lesen, werde ich mir jetzt erst mal diese Jugendkrimis zu Gemüte führen, lesen und hören.

Wer es in diesem Artikel bis hierher geschafft hat, wird jetzt vermutlich mit den Augen rollen. Sherlock Homes, Edgar Wallace, kommt noch mal irgendwas anderes als, räusper, angestaubte Krimis? Tja, diese Art Krimis haben mich halt als Jugendlicher massiv geprägt, das hält bis heute an und fasziniert mich auch bis heute.

Wenn wir schon bei guilty pleasures sind, im Moment habe ich auf zivile Krimis wenig Lust und lese lieber ein paar Military Thriller à la Tom Clancy, da ich mit Freude feststellen durfte, dass dessen letzte Werke, die er nach seinem Tod verfasste, Co-Autoren sei Dank, ziemlich gelungen sind. Einer der Co-Autoren heißt unter anderem Marc Greaney und weil mir dessen Bücher, die im Tom Clancy/Jack Ryan-Universum spielen, so gut gefallen haben, lese ich jetzt auch Solo Titel von ihm um seinen Helden Court Gentry, die zwar recht einfach gestrickte harte Action Thriller sind, aber durch ihre temporeiche Schreibe viel Spaß machen. Auch die Mitch Rapp-Romane von Vince Flynn, ebenfalls schon verstorben und durch das Wunder von Co-Autoren weiter aktiv, kann ich empfehlen, diese lesen sich äußerst kurzweilig und spannend, im Herbst kommt „American Assassin“ in die Kinos. Für Fans von Michael Moore und Edward Snowden ist das nichts, nur so als Warnung.
Wenn wir schon bei guilty pleasures sind, auch von James Patterson komme ich irgendwie nicht los, auch wenn er häufig der Prügelknabe der arrivierte Kritik ist, was bei 8-9stelligen(!!!!) Jahreseinkommen ihn wohl aber nur wenig juckt. Kürzlich warb er selbst für seinen neuen Roman mit dem Slogan, dass dies sein bestes Buch seit 20 Jahren sei, worüber sich u.a. Stephen King in einem Tweet lustig machte. Eine solche Aussage von Patterson selbst wäre eigentlich mit Vorsicht zu genießen, festzustellen ist aber, dass das gemeinte „Black Book“ tatsächlich ein ausgesprochen spannender und mitreissender Polizei-Korruptions-Thriller war, den ich hier mit Nachdruck empfehlen kann.

Von meinem kürzlichen Besuch auf dem traditionsreichen Marburg Con habe ich mir drei Bücher mitgebracht, die ich jetzt erst mal hintereinander wech lese:

Das war zum einen „Fischmund“ von Uwe Voehl und Malte S. Sembten, eine eigentlich mal als Heftroman gedachte Horror-Novelle, die dann aber nicht veröffentlicht wurde, weil sie den inhaltlichen Kriterien eines Heftromans nicht entsprach, dazu hätte es u.a. mehr Action bedurft. Nun wurde sie als extrem edles Hartcover in der Edition CL von Erik Hansch posthum aufgelegt, denn Malte S. Sembten ist ja letztes Jahr leider verstorben, so dass dieses Buch auch ein wenig so etwas ist wie sein Vermächtnis. Die Novelle fängt ausgesprochen gut und atmosphärisch an, kann dieses hohe Niveau aber nicht bis zum Ende durchhalten, weil sich trotz erzählter Fremdbeeinflussung Probleme mit der Figurenmotivation einstellen und vor allem allzu sehr auf reichlich abgenutzte Lovecraft-Motive zurückgegriffen wird. Eine schöne Erinnerung an Malte ist dieser traumhaft gestaltete bibliophile Band aber trotzdem.

Ebenfalls aus Marburg mitgebracht hatte ich mir das Bändchen „Drei-Kapellen“ (wirklich mit Bindestrich geschrieben) von Arnold Drebeck und Jörg Kleudgen, in dessen Verlag Goblin Press der handgefertigte, sehr schöne Band auch erschienen ist. Diese Novelle stellt eine Hommage an die Filme von Dario Argento dar und spinnt in angenehm und vor allem kongenialen fieberhaften Tonfall einen Mythos (natürlich, was sonst) um den Mythos der Mütter-Trilogie (Suspira, Inferno, La Terza Madre) des großen italienischen Maestros.

Ebenfalls mitgebracht hatte ich mir noch einen Fantasy-Schmöker aus dem Verlag Torsten Low, den mir auf dem Con zwei der dort anwesenden Autoren, Vanessa Kaiser und Thomas Lohwasser, auch signiert haben. Der Band muss aber einen Moment warten, denn heute erschien der neue Roman von Michael Crichton, „Dragon Teeth“, der auf dem Cover mal wieder mit einem Saurier-Totenschädel aufwartet, aber kein Jurassic Park-Nachfolger ist, sondern eher ein Western aus der Frühzeit der Paläontologie Mitte des 19. Jahrhunderts. Als immer noch großer Fan von Michael Crichton bin ich sehr froh, dass der Autor sich nicht von seinem Tod vor knapp 10 Jahren hat abhalten lassen, immer mal wieder neue Romane zu veröffentlichen (dies ist bereits der dritte posthume Roman) und ich hoffe das sich in seiner Garage, seinem Dachboden, seinen Festplatten oder seinem Garten noch eine Menge Manuskripte auffinden lassen. Danach dann ist dieser eben erwähnte Fantasy-Schmöker namens „Herbstlande“ dran.

Damit verlassen wir für heute den Bereich der reinen Buchstaben und treten ein in das Reich der Buchstaben kombiniert mit Bildern, also Comics und Mangas.

Als Einzelband sehr empfehlen kann ich die Graphic Novel „Hieronymus Bosch“ von Marcel Ruijters, der das Leben des Hieronymus Bosch in eindrückliche Bilder fasst und auch nicht davor zurück schreckt, die schreckliche Zeit, in der er lebte, in prägnante und eindrückliche Panels zu fassen. Ein toller Band, gibt es auch als Kindle Version für Tablets.

Auch lese ich, schon aus Kostengründen, ganz gerne die als Graphic Novel zusammengefassten Sammelbände der großen US Comicverlage wie Marvel, DC und Image Comics und schließe so gerne Bildungslücken. So lese ich mich im Moment durch den Band „Wolverine – Old Man Logan“, um mich auf die Blu-Ray des Kinofilms „Logan“ vorzubereiten, der auch von einem alternativen, alten Wolverine berichtet. Grandios erzählt und gezeichnet – diese Stimmung dort! Ferner lese ich die Original „Luke Cage – Hero for Hire“ Comics von Anfang der Siebziger, als Blacksploitation ihre Blüte erlebte, um die Netflix-Serie um „Marvel’s Luke Cage“ noch einmal richtig angehen zu können, von der ich bisher nur wenige Folgen gesehen habe. Auch diese Bände machen sehr viel (rohen) Spaß. Schließlich schließe ich mal eine Origin-Bildungslücke um Peter Parker und lese die allerallerersten „Spider-Man“ Geschichten. Ja, die sind simpel gezeichnet und erzählt, machen aber durch viel Fantasie, Sprüche und Tempo enorm Laune. Ich überlege ernsthaft, hier erstmal weiter zu lesen, sind ja nur knapp 600 Bände (argh).

Bei aktuellen amerikanischen Comics kann ich im Moment insbesondere bei Superhelden die Serie „Hulk“ empfehlen, die nicht von dem traditionellen Hulk Dr. Bruce Banner handelt, sondern von She-Hulk Jennifer Walters (beruflich eine Kollegin von mir), eine in sehr ernsten Tonfall und auf hohem Niveau verfasste Serie, die eine sehr befriedigende Lektüre darstellt. Bruce Banner ist ja im Moment bei Marvel nach dem Secret War angeblich tot, bis zu seiner Rückkehr, handelt auch die aktuelle Reihe um einen männlichen Hulk, der „Totally Awesome Hulk“, nicht von Bruce Banner.

Ebenfalls Freude macht mir Moment der X-Men Relaunch, wo über diverse neue X-Men Serien mal wieder die Team-Kader durchgemischt werden und mit recht dynamischen Geschichten überzeugen. Ferner lese ich mich noch durch einige „Wonder Woman“ Origin Storys, von denen es diverse gibt, die man schon vom Namen her („Earth One“, „Year One“) kaum unterscheiden kann und mich entsprechend auf den großen Kinofilm vorzubereiten, auf welchen ich mich schon sehr freue. Früher wäre es mit obszönen Geldausgaben auf Trödelmärkten einher gegangen, heute kann man in der Comixology App völlig problemlos und für sehr wenig Geld zum Beispiel den aller ersten Wonder Woman Auftritt aus dem Dezember 1941(!) nachlesen, in welchem sie u.a. Adolf Hitler (der vom Mars beeinflusst schon mal vor Wut in einen Teppich beißt – großartig!) belauscht und bei einem Baseball-Game aushelfen muss. Kurz hintereinander, ist ja auch beides sehr wichtig.

Schließlich noch Mangas, hier lese ich im Moment zwei Serien bzw. Bände gleichzeitig. Nachdem Naoki Urasawas „20th Century Boys“ zum Besten gehörte, was ich in meinem Leben (nicht nur als Manga) gelesen habe, möchte ich auch seinen anderen Serien eine Chance geben und lese im Moment seinen älteren Hit „Monster“, eine Geschichte um einen japanischen Arzt in Deutschland der Achtziger Jahre, der einen Serienkiller jagt. Diese 18-bändige Serie erschien in den letzten Jahren in Amerika in neun großen Doppelbänden. Ich bin jetzt im zweiten Doppelband und erfreue mich wieder an den hohen Niveau und der brillanten Erzählkunst Uraswas. Ganz tolle Geschichte, echt. Lesen!

Dann habe ich mit der aktuellen Serie „One-Punch Man“ angefangen, die mich aufgrund ihrer Prämisse überzeugt: In Mangas, geht es wie in Comics allgemein ja häufig nur um das eine. Seitenweise, Seite um Seite um Seite – Kloppe und nochmals Kloppe. Diese Serie macht sich darüber lustig, indem sie einen Helden beschreibt, der mal so richtig, ja mal so ganz richtig trainiert hat und jedes Monster und jeden Gegner, egal wie groß und mächtig, mit einem einzigen Schlag umhaut, und wenn der Gegner hoch wie ein Berg ist und mit einem Schlag eine ganze Stadt plättet. Um diesen einen Schlag zu vermeiden tun Freund und Feind alles, und dies birgt sehr viel komisches Erzählpotenzial und macht viel Spaß. „One-Punch Man“ erscheint auf Deutsch bei Kazé Manga, leider nicht digital.

Soweit für heute mal, jetzt ist Schluss, ich will ja äh, nochmal was lesen heute.

Technisches Detail: Um längere Artikel verfassen und das zeitlich wuppen zu können habe ich mir angewöhnt, diese zu diktieren; geht recht gut, auch wenn es der Überarbeitung bedarf.

Professor Dr. Dr. Dr. van Dusen, die Denkmaschine

Gerne möchte ich hier mal meine Begeisterung für die Kriminalgeschichten mit Professor Dr. Dr. Dr. van Dusen teilen, die insbesondere im Hörspiel reüssieren.

Der von dem amerikanischen Journalisten Jacques Futrelle geschaffene Amateur-Kriminologe van Dusen ist sichtlich von Sherlock Homes inspiriert, aber, und das macht ihn interessant und lässt ihn aus der Masse heraus stechen, eine stark aufgebohrte Version von Sherlock Holmes. Nicht nur, dass van Dusen Holmes wohl geistig überlegen ist, weswegen er auch die „Denkmaschine“ genannt wird – insbesondere in seiner Selbstsicherheit ist er Holmes noch weit überlegen, was schon was heißen muss. In unserer heutigen Zeit der gebrochenen, ironisierten oder bescheidenen Helden ist es einfach eine herrliche Abwechslung, mal einen Helden zu hören, dessen ungebrochene, aufgeblasene Arroganz und Selbstüberzeugtheit keinerlei Grenzen kennt. Das entfaltet mehr Unterhaltungswert, als man glaubt.

Da der deutsche Hörspielmarkt sehr lebhaft ist, erscheint der gute Professor gleich in drei Serien:
1. Dass man heute überhaupt noch von dieser über 100 Jahre alten Figur spricht, liegt insbesondere daran, dass eine Radio Serie vom Rias Berlin (später Deutschlandradio Kultur) von Michael Koser aus den Jahren 1978 bis 1999 einen so guten Ruf hat, und es vor einigen Jahren Sebastian Pobot von Highscore Music endlich gelang, diese Serie aus einem komplizierten rechtlichen Dschungel zu befreien. Zwischen 2010-2015 erschienen zwölf der 77 damals ausgestrahlten Folgen auf CD und als Download, dann war leider erst mal Pause. Jetzt geht es nach über zwei Jahren Funkstille am morgigen Freitag weiter mit der 13. Folge „Wer stirbt schon gerne in Monte Carlo“, und dann hoffentlich in kürzerem zeitlichen Abstand, so dass man noch erleben darf, dass alle 77 Radio Hörspiele als CD oder Downloads wieder zugänglich sind; nachdem Fans viele Jahre vergeblich versucht hatten, ein Archiv aufzubauen und an rechtlichen Schwierigkeiten gescheitert waren. Die Neuveröffentlichungen enthalten als Bonus-Tracks noch Kommentare von Autor Koser und dem Regisseur.
2. Ebenfalls aus dem gleichen Haus kommen ganz neue Fälle mit Professor van Dusen mit offiziellem Segen und unter Mitarbeit von Michael Koser, der immerhin auch inzwischen auf die 80 zugeht. Hier erscheint im Mai bereits die zehnte Folge mit ganz neuen Abenteuern, wobei man sagen muss, dass schon die alte Radioserie sich nur in der ersten Handvoll Episoden an den Original-Vorlagen orientiert und dann eigene Geschichten erzählt hat. Trotzdem darf man dies als direkte Fortsetzung der Radio-Serie betrachten, auch wenn einige der Sprecher nicht mehr verfügbar oder sogar verstorben sind.
3. Schließlich erscheint bei der Romantruhe innerhalb deren Reihe „Sherlock Holmes und Co.“ neben Abenteuern von Doyles Sherlock Holmes und Edgar Allan Poes Figur Auguste Dupin auch noch Abenteuer von Professor van Dusen, die sich wiederum mehr an den Originalvorlagen von Futrelle orientieren sollen. Von den gut 30 Folgen dieser Reihe handeln immerhin 11 von Professor van Dusen bisher, so dass insgesamt fast 100 Hörspiele von ihm auf dem Markt sind.

Verfilmt wurde die Figur praktisch nur ganz selten (zwei Folgen innerhalb einer Reihe „Sherlock Holmes‘ Rivals“ aus den 70ern) und im englischen Sprachraum erschienen kaum Hörspiele von ihm. Kürzlich erschienen innerhalb einer Hörspielreihe der BBC4 namens The Rivals of Sherlock Holmes (die sich an die alte TV-Serie anlehnt) auch zwei van Dusen-Geschichten; die Reihe gibt es u.a. bei Audible.

Der Autor Jacques Futrelle, der aufgrund des Erfolges seiner Figur eine Journalisten-Laufbahn aufgeben und vom Schreiben leben konnte sorgte dafür, dass in kurzer Zeit von 1905-1912 gut 50 van Dusen Geschichten erschienen, von der Kurzgeschichte bis zum ausgewachsenen Roman. Dann starb der Autor leider viel zu früh mit nur 37 Jahren. Wie? Der letzte lebende Anblick, den seine spätere Witwe von ihm sah, war, dass er eine Zigarette mit dem berühmten John Jacob Astor rauchte. An Bord der Titanic, 30 Minuten vor ihrem Untergang am 15. April 1912. Einige neue van Dusen-Geschichten sind dabei mit untergegangen.

Hier einige Links:

Ein Kindle EBook mit wirklich fast allen van Dusen-Texten im Original:

Die Hörspiel-Reihen van Dusen Klassiker & neue Fälle erscheinen beide bei Maritim:
http://www.maritim-hoerspiele.de

Die Reihe Sherlock Holmes & co. erscheint bei der Romantruhe:
https://www.romantruhe.de/audio/krimi-und-thriller/sherlock-holmes-und-co/

Die beste Info-Seite ist diesmal wirklich die Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Professor_van_Dusen

Die offizielle Seite von Michael Koser (umfangreich, aber nicht ganz aktuell) gibt es hier:
http://www.profvandusen.com/

Und, schließlich, eine BBC-Verfilmung eine der ersten und besten van Dusen-Geschichten, „Das sicherste Gefängnis der Welt“, mit Holmes-Darsteller Douglas Wilmer als Van Dusen aus den frühen 70ern:

Und immer daran denken: 2 + 2 ergibt immer 4!

Gelesen: ‚Teufelsgold‘ von Andreas Eschbach

Teufelsgold: ThrillerTeufelsgold: Thriller by Andreas Eschbach
My rating: 5 of 5 stars

Es gilt nach wie vor: Bei Andreas Eschbach gibt es die Kategorien knapp/voll daneben oder Volltreffer/Großtat. „Teufelsgold“ zählt definitiv mal wieder zu letzterer Kategorie und reiht sich ein bei seinen vorzüglichen Romane wie „Das Jesus Video“, „Eine Billion Dollar“, „Ausgebrannt“ und „Herr aller Dinge“. Nach zwei eher mäßigen Romanen („Todesengel“, Der Jesus Deal“) läuft der Autor nun wieder zu Hochform auf in dieser Geschichte eines selbstständigen Seminarveranstalters, der seine Teilnehmer zum Reichtum an der Börse zu führen verspricht und seine Seminare mit leicht esoterisch-alchemistischen Überbau würzt. Eschbach verschränkt die Geschichte eines lebenshungrigen, gierigen Familienvaters, der sein Leben auf Blendwerk und Betrug aufbaut mit einer Fantasy-Geschichte aus dem Mittelalter um berühmte Alchemisten und den Stein der Weisen, der Unsterblichkeit verheißt. Ob letzteres nur in der Einbildung stattfindet oder ein phantastisches Element des Romans darstellt, löst der Autor sehr klar auf (in einem fulminanten Twist!), trotzdem ist das Buch natürlich auch als Metapher zu lesen.

Dabei kreuzt der Autor sehr geschickt die realistische Welt von Seminarräumen mit einer Abenteuer- und Queste-Geschichte. Aufgrund hervorragender Figurenzeichnung und dichter Atmosphäre kann man einmal mehr einen Eschbach praktisch nicht aus der Hand legen, fesselnder Page-Turner ist fast noch untertrieben.

Ferner merkt man deutlich eine Reifung des Autors: „Teufelsgold“ will nicht nur unterhalten, sondern stellt auch eine schneidend scharfe Kritik an (Lebens-)Gier dar, wobei es dem Autor vortrefflich gelingt, seine Moritat ohne erhobenen Zeigefinger auskommen zu lassen, während dem (Anti-)Helden sein Leben entgleitet und er zu immer drastischeren Maßnahmen greifen muss um die Reste davon zu retten. Wobei es für interessant ist, dass die Hauptfigur Hendrik Busske, dem die Leserschaft auf der Schulter sitzt, von Seite zu Seite unsympathischer wird, aus der zunehmenden Distanz wird viel Spannung gewonnen.

Wie häufig bei Eschbach ist gerade das Ende vorzüglich geraten: Sehr berührend, befriedigend, rund. „Teufelsgold“ ist ein hervorragend konzipierter, erzählter und durchdachter Roman.

Höchstwertung? Selbstredend.

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Gelesen: Die Krone der Sterne

Die Krone der SterneDie Krone der Sterne by Kai Meyer
My rating: 5 of 5 stars

Das ist natürlich Absicht: Wenn einer der bekanntesten deutschen Fantasy- und Jugendbuchautoren wie Kai Meyer seinen allererste Space Opera vorlegt und den Roman gleich vorne Leigh Brackett und Edmond Hamilton widmet, steckt dahinter wohl weniger Ehrerbietung und mehr ein klares Signal an die häufig gestrengen Genre-Fans, dass sie gar nicht erst versuchen sollen, hier mehr zu erwarten als eine Rückbesinnung auf die Pulp-Ära des Genres von so ca. 1925-1955 (puh, langer erster Satz). Und mehr ist „Die Krone der Sterne“ auch tatsächlich nicht, trotzdem ist das SF-Debüt von Kai Meyer spektakulär gelungen. Das aufgelegte Programm, ein durchgetretenes Gaspedal von der ersten bis zur letzten Seite durchzuhalten, funktioniert tatsächlich: Obwohl sich eine Action-Szene an die andere reiht, kommt kein Leerlauf auf – und wenn dieses dann doch drohen könnte, ist der Roman auch schon zu Ende. Zum Gelingen trägt die hervorragende Figurenzeichnung bei, die die (Klischee-) Figuren mit Leben füllt und die Leser gerne an ihren Abenteuern teilnehmen lässt, sowie der geschickte und phantasiereiche Weltenbau nebenbei, der ganz streng sich der Handlung unterzuordnen hat und nicht, wie es z.B. beim großen Bruder Perry Rhodan ist, wo es aus Umfanggründen sich exakt umgekehrt verhält. Gerade in der SF werden häufig Innovationswunder gefordert und verlangt. Dies ist hier nicht der Fall, trotzdem wird es sicher auch verwöhnten und sich schnell langweilenden Lesern so gehen wie dem Verfasser dieser Zeilen: Ich habe von vorne bis hinten jede einzelne der 460 großzügig gesetzten Seiten genossen. Bei den beiden angekündigten Fortsetzungen bin ich definitiv an Bord. Tipp: So sehr ich Ebooks liebe und praktisch finde, aufgrund der wunderschönen Gestaltung sei dringend der käufliche Erwerb der gedruckten Ausgabe anempfohlen.

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Blind Guardian singen für Markus Heitz

Die höchsten Weihen, die mal als Fantasy-Autor erreichen kann? Bestseller? Preise? Glühende Fans? Verfilmung von Peter Jackson?
Nein, da gibt es noch was.
Wenn Dein Roman als Computerspiel adaptiert wird UND, und das ist bisher einmalig in der Welt, niemand geringeres als Blind Guardian zu dem Soundtrack einen Song beisteuert – mehr Weihen und mehr Coolness ist schwerlich vorstellbar.
Blind Guardian, die nur noch höchst selten ein neues Album raushauen und sowieso eigentlich alles allen bewiesen und nichts mehr nötig haben. So geschehen bei dem Spiel zu den „Zwergen“ von Markus Heitz. Da ist es dann fast egal, ob der Blind Guardian-Song auch was taugt. Aber, ganz ehrlich? Ich finde den Song toll, da hat es bei mir schon beim ersten Durchhören klick gemacht. Eine der sogar definitiv guten Hymnen in der wahrlich majestätischen Discografie der Band. Chapeau, der Killer-Refrain von Hansi Kürsch wird mich die nächsten Wochen sicher häufiger begleiten.
Nur eine Misslichkeit gilt es noch zu beseitigen: Ich hoffe, es ist schlicht Tranigkeit von THQNordic und nicht falsch verstandene Exklusivität, dass der Soundtrack noch nicht separat veröffentlicht wurde. Bei GOG.com und Steam kann man den nur zusammen mit dem Spiel runterladen, auf Amazon Music oder iTunes gibt es den noch gar nicht.
Ruhig mal reinhören! Ich fand den Song gestern kurz vor dem Einschlafen und konnte dann prompt dieses erstmal nicht, weil ich mich so darüber gefreut habe. Kein Witz.

Gelesen: Winnetou – Eine neue Welt von Tinka Edel

Winnetou - Eine neue WeltWinnetou – Eine neue Welt by Tinka Edel
My rating: 3 of 5 stars

Was ist das hier? Dies ist eine Jugendbuch-Adaption des ersten Films des großen RTL-Dreiteilers, der Karl Mays Winnetou-Trilogie an Weihnachten 2016 „neu interpretiert“, geschrieben von Tinka Edel. Zugegeben, zumindest als Fan von Karl May und/oder Winnetou braucht es einige Überwindung, bis man so ein Buch mit einem auch noch abscheulich gestalteten Trash-Cover zur Hand nimmt, denn warum muss eine Dame namens Tinka Edel den Winnetou-Stoff neu erzählen, wenn doch das Original des Maysters ebenfalls greifbar ist und immer noch reichlich aufgelegt wird? Abgesehen ggf. von Rechtsgründen?

Bei diesem Buch sind Licht und Schatten sehr klar verteilt, sortieren wir mal und fangen mit den positiven Merkmalen an:

Trotz des Trash-Covers, trotz der Tatsache, dass die Autorin bisher nur Credentials als Pferde-Autorin aufweisen kann, zunächst Entwarnung: Tinka Edel kann zumindest ordentlich und routiniert schreiben, das Buch liest sich flüssig und flott weg und ist sprachlich zumindest annehmbar. Das ist schon mal viel wert.

Dann: Ja, es wird deutlich von der Vorlage abgewichen, das ist aber nun mehr als vertretbar, denn Karl May selbst hat seine Stoffe immer wieder überarbeitet und sogar testamentarisch verfügt, dass die Bücher auch von Dritten überarbeitet werden dürfen, eine Möglichkeit, von welcher auch der Karl May Verlag (der hiermit nichts zu tun hat) seit 100 Jahren reichlich Gebrauch gemacht hat. Auf dem Weg von Karl Mays „Winnetou I“ hin zu „Winnetou – Eine neue Welt“ von Tinka Edel wurde insbesondere Mays doch sehr ausufernde Erzählung stark verkürzt und geglättet, diverse Indianer-Stämme gestrichen und die unzähligen Gefangennahmen und Kämpfe auf wenige reduziert, wie auch die Figuren. Das berühmte Westmann-„Kleblatt“, welches Old Shatterhand zur Seite steht wird auf eine Person eingedampft, Sam Hawkens natürlich, und dieser tritt auch nur am Rande auf, wenn ich mich nicht irre (und „hihihi“ sagen darf er auch nicht mehr). Die Bösewicht-Rolle wird von dem Gauner Santer auf den Vorarbeiter Rattler übertragen, der im Buch eine unrühmliche Rolle am Marterpfahl spielt, hier aber sogar zum Mörder von Winnetous Vater transformiert wird (für wen das nach über 100 Jahren ein Spoiler ist – sorry, verloren, Pech gehabt!) – aber nicht, und das ist eigentlich die radikalste Abkehr von Karl Mays Original: Dies haben sich nicht mal die Kinofilme der 60er Jahre getraut: In „Winnetou – Eine neue Welt“ überlebt die sich in Old Shatterhand verliebende Ntscho-tschi, Winnetous Schwester! Sie stirbt nicht wie bei Karl May oder Lex Barker und Pierre Briece tragisch und darf hier somit an der Seite von Old Shatterhand weitere Abenteuer erleben. Dies ist sogar eine sinnvolle Änderung, da Karl Mays Original-Stoff fast völlig ohne große Frauenfiguren auskam – da May zwar im wirklichen Leben sehr viel mit Frauen anfangen konnte, häufig aber nicht in seinen großen Abenteuer-Epen für Jungs.

Fängt die Ausgangskonstellation des Buches und die ersten Szenen noch sehr ähnlich an, wie in Karl Mays Original, wird dann spätestens ab der Mitte deutlich abgewichen, hier hat „Winnetou – Eine neue Welt“ dann inhaltlich faktisch nichts mehr mit dem Original „Winnetou I“ zu tun, aber, was solls? Was viele Fans immer gerne vergessen: Das hatten die Kinofilme der 60er auch nicht. Auch diese waren im wesentlichen nur „frei nach Karl May“ erzählt, so dass dieser neue RTL-Film, auf dem dieser Roman beruht, dies natürlich auch für sich in Anspruch nehmen darf. Und wir auf eine originalgetreue Verfilmung weitere Jahrzehnte warten dürfen.

Soweit die positiven Seiten, nunmehr die hässlichen und negativen:

Diese neuen Winnetou-Stoffe sollen laut Verlags-Eigenwerbung „zeitgemäß und spannend“ die von Karl May erdachte Handlung neu interpretieren, und da schießen sich die Macher dann schon etwas mit dem Henry-Stutzen in den Fuß: Der Karl May Verlag wird damit zitiert, dass die neuen Filme, auf welchen diese Kosmos-Bände basieren, nicht „frei nach, sondern frei von“ Karl May sein sollen. Das stimmt leider, und dann stellt sich schon die Frage: Warum Karl May neu erzählen, wenn man all das streicht, was einen Karl May-Roman so schön und besonders macht? Winnetou und Old Shatterhand sind hier nicht mehr die Proto-Superhelden, die alles können und wissen, schon die ganze Welt bereist haben und das alles, obwohl sie nicht mal dreißig sind, nein, hier sind Old Shatterhand und Winnetou ziemlich normale Helden mit normalen Fähigkeiten; Old Shatterhand bringt Winnetou das Boxen bei, Winnetou Old Shatterhand das Anschleichen. Mehr nicht. Na prima. Das mag realistischer sein, die verträumten Jungen-Allmachtphantasien, die den speziellen Reiz und den Riesen-Erfolg von Karl May ausmachten – weg. Old Shatterhand ist hier auch nicht mehr ein moralisch weit überlegender, gläubiger Christ, nein, er ist getauft, glaubt aber ansonsten „nur an die Vernunft“. Wie modern. Wie unendlich, unendlich langweilig aber auch. Vor allem passen dann gerade im Finale einige Handlungselemente nicht mehr: Warum sollten die auf Rache sinnenden Apachen die Bösewichte so verschonen?!
Einige Ecken und Kanten von Mays Stoffen wurden ebenfalls getilgt, ungerührt auf Pferde wie Ende des 19. Jahrhunderts schießt hier niemand mehr, und am schlimmsten: Alles, was den besonderen Charme des Maysters ausmachte, alle Skurillitäten, alles Spinnerte (wie ein Zauberwort, so dass ein Pferd wie ein Pfeil davon schießt), aller Humor, alle Liebenswürdigkeit der Figuren, alle Verhandlungen über Moral und Ehrgefühl, alles weg. Ein nüchterner Winnetou für unser nüchternes Zeitalter der Behördenbescheide auf grauem Umweltpapier – in eine andere Welt träumen, wie es früher mit dem Mayster problemlos möglich war, fällt hier sehr schwer. Sind dies alles eher Mängel, die Fans und Lesern von Karl May stören werden, gibt es aber auch ein objektives, großes Problem: Dies ist ein Jugendbuch, in welchem die Autorin zu einer gewissen Kürze streng verdonnert war. Vermutlich ist der über zweistündige Film sogar ausführlicher als dieser Roman, der so verknappt ausfallen musste, dass er teilweise, und das ist schon übel, sich nicht wie ein kurzer Roman liest, sondern eher wie eine sehr lange Zusammenfassung eines Romans. Alle Ereignisse der Handlung werden verhältnismäßig schnell und nüchtern abgehandelt, mit Details gespart, Verweilen ist nicht. Es kann nicht die Aufgabe von Zusammenfassungen sein, Emotionen und Aufregung eines Stoffes zu vermitteln, dies wirkt sich aber hier fatal aus, denn beides bleibt so hinter einer Plexiglasscheibe für den Leser unerreichbar.
Angesichts des Covers und der Vorgaben hätte der Roman eine richtige große Katastrophe werden können, das ist er nicht. Empfehlenswert ist er aber auch nicht sonderlich, denn „zeitgemäß“ heißt hier einfach nüchtern und langweilig, und „spannend“ stimmt einfach nicht, weil der Stoff dafür zu sehr verknappt werden musste um atmen zu können.
Somit kann das Buch neben Anhängern des TV-Films eigentlich nur sehr neugierigen Winnetou- oder Karl May-Komplettsammlern empfohlen werden, denn ob Jugendliche, die heute in der Regel keinerlei Bezug mehr zu Westernstoffen haben, zu diesem vorgeblich „zeitgemäßen“ Buch greifen, dürfte sehr fraglich sein.

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Lesesplitter Anfang November 

Aus meinem Lesestapel picke ich heute mal folgende Bücher raus, an denen ich gerade lese und erzähle kurz davon:

Normalerweise kaufe ich Bücher nur ungerne beim Autor direkt, bei „Dracula vs. Hitler“ von Patrick Sheane Duncan habe ich aber eine Ausnahme gemacht und dieses direkt bei dem Autor auf Inkshares erworben, hier: https://www.inkshares.com/books/dracula-v-hitler
Der Roman liest sich erfreulich gut an, das ist trotz Nazis vs. Phantastisches Element nicht der auch mögliche luschtige Pulp-Trash, sondern ein eher „seriöser“ Abenteuerroman, der eine respektvolle Verbeugung vor Stokers großem Klassiker sein will (Abraham Van Helsing, seine hübsche und als Kämpferin furiose Tochter und der Enkel von Jonathan Harker sind die Helden), gleichzeitig aber in erstaunlich ernsthafter Historizität und Grimmigkeit Massen-Exekutionen der SS-Besatzer in Rumänien aus Sicht der Partisanen schildert. Offensichtlich will der Autor Duncan die Dracula-Figur (die nach knapp einem Fünftel des Romans noch nicht richtig aufgetreten ist) in ein halbwegs ernstzunehmendes historisches Setting einbinden – das könnte interessant werden und ist mir alle mal lieber, als der nächste Nazis auf dem Mars/Mond oder sonstwo-Quatsch.

Da es im Moment mein einziges Print-Buch ist (Rest: Alles Kindle), habe ich mal ein Bild von Doktor Faustus von Thomas Mann angefügt. Der Roman macht mir immer noch großen Spaß, nach einem guten Fünftel hat die faustische Handlung noch gar nicht richtig angefangen: Thomas Manns Spätwerk will auch ein Bildungsroman sein und wir befinden uns zeitlich gerade noch in der Studentenzeit des Erzählers und des Komponisten Leverkühn, der das Zentrum der Handlung ist. Thomas Mann hatte offensichtlich furchtbar viel Spaß dabei, schrullige Uni-Professoren und deren Macken zu schildern, der Spaß bei dieser Art „Pennälerstoff“ überträgt sich ungebrochen auf den Leser. Ich komme manchmal aus dem Grinsen nicht heraus. Interessant ist natürlich, dass diese Beschreibungen erstaunlich dicht und stimmig sind, obwohl Mann den Unibetrieb ja nur als Gastdozent kannte und als zertifizierter Schulabbrecher mit Weg hin zum Nobelpreis nie selbst Student war..

Immer noch ein großes Vergnügen für mich ist das Fantasy-Epos (TV-Rechte verkauft!) „The Grace of Kings“ von Ken Liu, dessen noch dickerer Nachfolger ja gerade erschienen ist. Der recht komplexe Roman liest sich fordernd, dafür wird man aber mit wunderbar lebendigen Figuren und atmenden Szenen belohnt, praktisch jede Seite ist eine große Freude. Ich stelle allerdings an mir selbst fest, dass ich bei den vielen Willkür- und Gewaltexzessen, die die handelnden Despoten begehen, ganz schön schlucken muss. Vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter einfach zu weich für sowas.

Ich lasse mir Zeit und habe Langmut, Anfang Februar diesen Jahres habe ich den 2.600+ Seiten Kolportage-Roman Wälzer „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“ von Karl May angefangen, kürzlich habe ich die Seite 1.000 überschritten – und an aufgeben ist nicht zu denken: Vielleicht auch gerade durch die Portionierung, ich habe in über 1.000 Seiten noch keine einzige Seite, ja noch keinen Absatz gefunden, bei dem ich mich gelangweilt habe. Kein Wunder, dass Mays Roman im 19. Jahrhundert so erfolgreich war (wohl der erfolgreichste Kolportage-Roman überhaupt), dieses übervolle Füllhorn an Abenteuern mit allem, was das Herz begehrt: Räuber, Piraten, Grafen, Schurken, Indianer, strahlende Helden, die alles können und wissen, vollbusige Schönheiten (deren Busen immer „wogt“ – Mays Lieblingswort, was ihm der Karl May Verlag in der späteren und heute noch lieferbaren, gründlich umgestellten fünfteiligen Buchausgabe schnöde strich – ich lese natürlich das Original von damals!) und einer spannenden Intrige, Actionszene und Rettung in letzter Minute nach der anderen. Da kann man wirklich ins Schwärmen kommen, hach ist das alles schön. Schön auch, dass durch das Alter des Stoffes einige Kanten nicht abgeschliffen sind: Der Held schießt schon auch mal auf Pferde, oder mal eben 30(!!) Räuber auf einmal über den Haufen. Die Lesegeschwindigkeit habe ich deutlich heaufgesetzt: Der Roman wurde damals in 109 Lieferungen (=ungefähr 25 DIN A 5-Seiten..) verbreitet, ich fing mit einer Lieferung die Woche an, und bin inzwischen regelmäßig bei 2-3 Lieferungen die Woche, die lese, im Moment Lieferung 45 von 109. Und dass ich noch über 1.600 Seiten vor mir habe, erfüllt mich nicht mit Angst, sondern mit großer, wogender Wonne.

Deutlich, ja drastisch kürzer ist die Trilogie mit drei Kurzromanen, ja Novellen, des historisch sehr bewanderten und aktiven Thomas Ostwald aus dem Blitz Verlag, der Karl Mays urheberrechtfreien Helden Old Shatterhand in Norddeutschland ein Abenteuer unter deutschen Auswanderern erleben lässt. Ganz ehrlich, dieser kurze Auftakt-Band (keine 120 Seiten in der Print-Ausgabe) hat mich richtig begeistert, denn der Autor trifft ganz exakt und fabelhaft den Tonfall von Karl May und die Auswanderer-Atmosphäre ist zum Schneiden dick. Ich fiebere den Fortsetzungen entgegen. Ach ja, wie der Band heißt: „Karl Mays Old Shatterhand – Neue Abenteuer 01: Aufbruch ins Ungewisse“.
Ach ja II: Nein, es ist nicht ungewöhnlich, den Westmann Old Shatterhand in Deutschland ein Abenteuer bestehen zu lassen, das hatte der Mayster auch schon getan.

Dann noch kurz zu einigen Novellen:

Ich lese mich im Moment durch den Band „The Year’s Best Science Fiction & Fantasy Novellas, 2016 Edition“ von Paula Guran, der mit dem preisgekrönten „Binti“ von Nnedi Okorafor anfängt. Begeisterte mich die Novelle zunächst durch ihre tolle Sprache und die wunderbare namibische Heldin aus dem Volk der Himba, mündet das alles in eine allzu gewöhnliche Alien-Contact Geschichte. Trotzdem: Anfang des Jahres veröffentlich die Autorin eine von zwei Fortsetzungen, die dann nicht im All, sondern bei der Familie der Heldin in Afrika spielen soll (heißt dann auch: Binti: Home), vielleicht schaue ich da trotzdem noch mal rein, denn sprachlich ist Okorafor schon berückend.

Die Bookshots genannten Kurzromane von James Patterson haben was, einfach ein kurzer, netter Spannungs-Fix, den man in einer Stunde gut durch hat. Gelesen habe ich „The Women’s War“ von James Patterson & Shan Serafin, der zwei weibliche Heldinnen einer Kampfeinheit gegen einen Drogenbaron antreten lässt. Ein düsteres, brutales, aber spannendes und tempo- und actionreiches Kurz-Abenteuer. Hatte was.

Nach über 15 Jahren Abstinenz bin ich durch die gerade auf Tor.com veröffentlichte Novelle „The Loud Table“ mal wieder auf Jonathan Carroll gestoßen. Die Story erzählt von einem Altherren-Stammtisch, welchen der Autor dafür nutzt, ganz wunderbare Beobachtungen über das Älterwerden einzustreuen, bis die kurze Geschichte (keine 25 Seiten) mit einer überraschenden Phantastik-Pointe endet. Wenn ich als SF&F&H-Leser diese Pointe als unnötig empfinde, liegt was im Argen. Trotzdem: Lesenswerte Geschichte. Schön, mal wieder was von Carroll gelesen zu haben. Habe seinen Stil vermisst, glaube ich, muss mal seine letzten Romane irgendwann nachholen.

Das war es für heute. Kommentare, Lob und Kritik wie immer sehr willkommen.

Geballte Übersetzer

In der neuen „phantastisch“ #64 findet sich ein sehr schöner Artikel, in welchem Übersetzer von Phantastik-Literatur gefragt werden, welche noch unübersetzen Bücher unbedingt mal übersetzt werden sollten.

Zu dem Bild: Anstelle von Markus Mäurer würde ich mir die hier abgebildete Seite rahmen lassen und zu Hause aufhängen, auf welcher er ganz lässig neben Star-Übersetzer und Fantasy-Hoffnungsträger Ken Liu liegt. 

Allerdings, auch geballte Kompetenz kann nicht perfekt sein, eher in die Kategorie „Alle Übersetzer in einem Sack stecken und draufschlagen“ fällt, dass keiner der genannten Herren an Ian Mcdonalds letzte Romane gedacht hat. Ob das Gerd Rottenecker auch passiert wäre, der hier leider nicht dabei ist?

Gelesen: The River of Stars (1913) von Edgar Wallace

The River Of StarsThe River Of Stars by Edgar Wallace
My rating: 2 of 5 stars

(English version of review follows below)
Kleinganoven machen sich auf dem Weg nach Afrika um einen Diamantenfluss zu finden, kommen sich davor und danach aber ständig selbst in die Quere, mit teilweise tödlichem Ausgang..
Der in die Afrika-Geschichten um Commissioner Sanders eingeordnete Band enthält nicht wie üblich Sanders-Kurzgeschichten, sondern stellt einen Roman dar, Sanders ist nur eine Nebenfigur am Rande. Mangelnde Charakterisierung macht den Zugang schwierig, ein sehr langweiliger und unbefriedigender Roman.

Small-time crooks go to Africa to find a diamond river, but before and after this journey, they constantly get in their own way, with sometimes fatal consequences ..
This volume, grouped with the Sanders Africa books of Wallace does not contain the usual Sanders-short stories, but is a novel, Sanders is only a minor character on the edge oft he proceedings. The lack of characterization makes access for the reader difficult, a very boring and unsatisfying novel.

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