Film: Fernost

Neun Filmkritiken

Die Mumie
(The Mummy, Alex Kurtzman, USA 2017, 110 Minuten)
Gleich vorweg mal aufgeklärt: Die viele Ablehnung, die dem Film seit dem Start entgegen geschlagen ist, liegt weniger an der Qualität des Films, auch wenn dieser wahrlich kein Meisterwerk ist, sondern häufig daran, dass Marketing, Besetzung der Hauptrolle und Platzierung dieser neuen „Mumie“ im Kinosommer bei Publikum und Kritik völlig falsche Erwartungen geweckt haben – Zitat Variety: „ With Tom Cruise in the lead, the revival was poised to be a beat-the-heat, popcorn-flinging summer blockbuster, a nostalgia grab for millennial fans of the 1999 title..“
Nein!
Eben genau das will/soll der Film nicht sein, ob das nun gut oder schlecht ist, ist eine andere Frage. Dies ist eben nicht eine Fortsetzung der modernen Mumie-Trilogie von Stephen Sommers (ab 1999), die viele noch positiv im Gedächtnis haben. Nein, dieser neue Mumie Film schielt keinesfalls wie die vorherige Trilogie auf die Indiana Jones-Filme, sondern besinnt sich tatsächlich auf die alten Boris Karloff-Filme aus den 1930ern und zitiert auch andere Horror-Filme von (besonders deutlich) „American Werewolf“ bis „Night of the Living Dead“, sowie insbesondere die vier spanischen „Reitenden Leichen“-Filme mit ihren zum Leben erweckten untoten Kreuzrittern. Daraus bezieht diese „Mumie“ aber auch durchaus ihren Charme, auch wenn die Unentschiedenheit des Films ihn nie richtig fesselnd werden lässt. Er lässt sich zwar auf Horror ein, ist aber als Sommer Blockbuster dafür letztlich zu harmlos und nicht spannend genug, und es war sicherlich nicht die beste Idee, einen eigentlich reinen Horrorstoff in die Hülle eines Tom Cruise-Kinosommervehikels zu wickeln. Denn so bekommen wir schon ein wenig Action, aber nicht zu viel, etwas Humor, aber nicht zu viel, etwas Horror, aber nicht zu drastisch, so dass letztlich von allem nicht zu viel – zu wenig ist. Eine Katastrophe ist der Film nicht (ist das ein Lob?), aber schon irgendwie unrund; der Zug kommt an, aber schlingernd. Das mystische Brimborium macht durchaus Spaß, wenn man sowas mag und die ersten Spurenelemente des neuen Dark Universe (Universals Gegenangebot zum Marvel Cinematic Universe und dem DC Extended Universe) wecken auch Lust auf mehr – nicht, weil man unbedingt die hingeworfenen Handlungsbrocken erklärt oder weitergesponnen haben möchte, sondern einfach, weil dies alles schon Erzählpotential birgt. Das man aber natürlich in Zukunft auch richtig nutzen muss.
Aktivposten sind die toughe und bildhübsche Annabelle Wallis (bitte mehr solche Rollen für die Dame!) als Heldin und Love Interest von Tom Cruise, sowie ein glucksend aufgeblasener Russel Crowe als Nick Fury, äh nein, als (ja DER) Dr. Jekyll und Chef einer Geheimorganisation gegen das Böse™. Schöner Score von Brian Tyler, und vereinzelt gelingen Regisseur Alex Kurtzman einige sehenswerte Einfälle, auch wenn ihn wohl niemand als visionären Filmemacher bezeichnen würde.
Von einem gelungenen, runden Eindruck kann man ernsthaft bei dieser „Mumie“ nicht sprechen, dafür passt zu viel nicht zusammen und vor allem, zu viele Szenen handeln von Menschen, die in halbdunklen Kammern und Hallen herumstehen. Nur herumstehen, ein Glück ist dieses Werk für einen Sommerblockbuster recht kurz ausgefallen und man reitet in deutlich unter zwei Stunden dem Abspann entgegen. Als seltsamer Hybrid eines groß budgetierten Horror-Films ist der Film eine Sichtung aufgrund seiner Schauwerte und des dezenten Gothic-Touches aber durchaus wert. Natürlich vor allem für Zuschauer, die die Universal-Monster sowieso mögen (der Verfasser dieser Zeilen ist da zugegeben voreingenommen). Next Stop: ‚Frankensteins Braut‘ von ‚Gods & Monsters‘-Regisseur Bill Condon im Februar 2019 – das hört sich immerhin toll an. 7/10 Punkte

Fifty Shades of Grey 2 – Gefährliche Liebe
(Fifty Shades Darker, James Foley, USA 2017, 131 Min (extendcd cut)/118 Min Kinofassung)
Die Fortsetzung des großen Erfolgsfilms basierend auf den Millionen-Sellern von E.L. James erweist sich als ziemliche Mogelpackung: „Gefährlich“ ist hier nichts und „dunkler“ ist der Film auch nicht als der Vorgänger, eher im Gegenteil. Die Romanze von Ana und Christian dreht nach einer Versöhnung einfach eine weitere Runde und, nein, gipfelt kann man eigentlich nicht schreiben, also nicht gipfelt sondern enthält 3-4 kurze Sex-Szenen, die in Länge und mangelndem drauf einlassen das höchst seltsame Gefühl beim Zuschauen wecken, dass die Filmemacher diese schnell hinter sich bringen wollen – eine erstaunliche Attitüde bei einem Film, der nun schon hauptsächlich als Erotik-Film vermarktet werden soll. Vielleicht sind die weiblichen Fans dieser Reihe da genügsamer – wenn man z.B. einen Jurassic World-Film fast ohne Dinos in die Kinos bringen würde, würden sich wohl doch einige mehr beschweren. Die Handlung schleppt sich durch bemerkenswert lange 131 Minuten im extended cut von einer Verwicklung und Romance-Standard-Situation (leider ziemlich geschäftig abgehakt alles) zur nächsten, und bevor alles zu sehr still steht, darf Christian mal wieder kurz für maximal vier Sekunden zu der in solchen Filmen üblichen klebrigen Fahrstuhlmusik Ana von hinten.. Abblende. Eine Zod-Hommage („Kneel!“) wird immerhin bleiben von dem Film, die ist grandios – ob gewollt oder nicht, ist ja letztlich egal. Irgendwie sind diese Filme keine völlig totale Katastrophe, nüchtern gerechnet kommt man (und vor allem: Frau) mit einem baccara-Romanheft aus dem Supermarkt aber einfach günstiger weg. 4/10 Punkten.

Nocturnal Animals.
(Tom Ford, USA 2016, 116 Minuten)
Der neue Film von Designer und Regisseur Tom Ford ist diesmal ein komplex und kunstvoll erzählter, düsterer Thriller, der sich freilich etwas zu sehr in seiner Düsternis und Kunstgewerblichkeit gefällt. Die bei Tom Ford üblichen erlesenen Bilder und einige wirklich großartige filmische Momente (wie zum Beispiel die Schlussszene) heben den Film aber schon weit aus der Masse heraus. 8/10 Punkte

Split
(M. Night Shyamalan, USA 2017, 117 Minuten)
Der große Comeback-Film von M. Night Schyalalan erweist sich tatsächlich als unglaublich fesselnd gelungen. Ein grandios gestalteter Thriller, der aus seiner seltsamen Prämisse: ‚Schizophrener Täter mit 23 Persönlichkeiten hält drei junge Frauen gefangen‘ ein Maximum an Wirkung erzielt. James McAvoy empfiehlt sich mit seiner herausragenden Darstellung bereits jetzt für die nächste Oscar-Verleihung. Die Schluss Wendung will nicht so richtig zu dem Film passen, was man aber auch nicht ernsthaft als Vorwurf aufwerfen kann, da die Verbindung zu einer gewissen Trilogie (Teil 3 folgt in anderthalb Jahren) in Shyamalans-Werk sich ja auch erst am Ende erschließen soll. 8/10 Punkten

Sully
(Clint Eastwood, USA 2016, 96 Minuten)
Man kann über Tom Hanks ja denken was man möchte, aber für solche Rollen wurde er geschaffen. Der Film erzählt die wahre Geschichte von der glücklichen Notlandung einer Passagiermaschine auf dem Hudson River aus dem Jahr 2009 nach und übt Kritik an den offiziellen Ermittlungen, wobei er die Flugaufsichtsbehörden in einem schlechten Licht darstellt, was insbesondere bei staatsgläubigen Filmkritikern einigen Backlash erzeugt hatte. Dies ist ein Film, wie ihn nur Clint Eastwood inszenieren kann: Denn er schafft es gleichzeitig packend, spannend und aufregend zu sein, aber auch völlig unaufgeregt und entspannt daher zu kommen. Eastwood erweist sich auch als bemerkenswert konzentriert – nicht jeder Stoff verlangt Eastwoods sonst übliche zwei Stunden Plus, hier kommt er tatsächlich mal mit gut anderthalb Stunden aus, was dem Film sehr gut tut. 8/10 Punkten

La La Land
(Damien Chazelle, USA 2016, 128 Minuten)
Der eine der beiden großen Oscar Gewinner 2016 (neben „Moonlight“) erweist sich bei näherer Betrachtung doch ein wenig als Scheinriese. Dieses grundsympathische Musical um die alten Themen künstlerischer Erfolg vs. künstlerische Integrität erzählt seine sattsam bekannte Geschichte etwas zu sehr so, als wäre es etwas Neues, was doch leicht verwundert. Die Musicalnummern sind eher rar gesät, erstaunlicherweise. Ferner scheint die teilweise hysterische Liebe, die dem Film entgegen geschwappt war, wohl daher auch zu rühren, dass die in solchen Musicalnummern mögliche befreiende visuelle Fantasie in den letzten Jahren im Mainstream-Kino rar geworden ist und viele Zuschauer, die in der Regel sowieso mit Musicals fremdeln, sich dessen entwöhnt haben. Vielleicht ist das etwas ungerecht, aber da waren die MGM-Musicals vor acht Jahrzehnten durchaus gewagter, schmissiger und einfallsreicher. Die in sehr breitem Scope-Format (2,55:1) fotografierten, gesucht schönen Bilder bezaubern trotzdem, ebenso wie die beiden wirklich vortrefflichen und intensiven Hauptdarsteller Emma Stone und Ryan Gosling, weswegen der Film schon sehenswert ist. Vielleicht hatte man von Damien Chazelle nach dem bezwingenden, meisterlichen „Whiplash“ auch einfach etwas anderes erwartet, als ein solch entspanntes Zurücklehnen; was natürlich sein gutes Recht und kein Vorwurf ist. 7/10 Punkten

xXx 3: Die Rückkehr des Xander Cage
(D.J. Caruso, USA 2017, 107 Miuten)
Vin Diesel erweckt seine alte Quasi-James Bond Franchise von vor 15 Jahren wieder zum Leben und gestaltet sie nunmehr im Stile seiner größten Erfolge, der Fast & Furious Filme: Wir bekommen also auch beim dritten Triple-X Film jetzt eine Art Film-Familie und völlig abgedrehte Action Szenen zu sehen. Wobei letztere natürlich auch schon die USPs bei den Vorgängern waren. Das alles ist eine Nummer kleiner als beim großen Bruder F&F in Budget, Aufwand und Einfallsreichtum, trotzdem sehr schön anzusehen, wenn diesmal eine noch deutlich internationalere Besetzung antritt mit großen süd- und ostasiatischen Stars. Letzteres erklärt wohl auch, dass der Film dort ein Riesen-Hit war – nicht aber in den USA. Da inzwischen die Kaufkraft des asiatischen Marktes (vor allem von China) mehr als ausreichend ist um Hollywood-Sequels anzuschieben, dürfte ein Teil 4 irgendwann amtlich sein. Trotz einiger wirklich fulminanter Action-Szenen (Regisseur D.J. Caruso hat sich nach dem katastrophal inszenierten und montierten „Eagle Eye“ (2008) deutlich gesteigert) muss man dem Film ein Verbrechen vorwerfen: Der in der Regel atemberaubende Tony Jaa wird kriminell ungenutzt verschwendet in seiner zu kleinen Rolle. 7/10 Punkten

Lethal Warrior / Kill Zone 2 / SPL 2: A Time for Consequences
(Cheaung Pou-Soi, HK/China 2015, 118 Minuten)
Diese größer aufgestellte Fortsetzung zu dem modernen Hongkong Klassiker SPL von Wilson Yip aus dem Jahr 2005 hat mit dem Vorgänger eigentlich fast nichts gemein, bis auf ein, zwei Namen in der Besetzung, darunter auch Simon Yam, dessen Figur den Vorgänger nicht überlebte und der hier eine andere Rolle spielt. Dies hier ist ein Klopp-Vehikel für Tony Jaa, macht insofern also alles richtig, und enthält einige tolle Momente, vor allem ein wirklich grandios gestaltetes, eindrückliches Finale. Für Martial Arts Fans mehr als sehenswert. 8/10 Punkten

The Perfect Weapon
(Titus Paar, USA/SWE/SP 2016, 89 Minuten)
Kein übliches Steven Seagal-Vehikel (und sein siebenter, wiederhole SIEBENTER Film 2016!!), sondern eine Dystopie um eine Diktatur im ‚Hunger Games‘-Stil. Seagal spielt diesmal den bösen Diktator, der auch kurz einmal seine Martial Arts-Künste zeigen darf. Witze über Steven Seagals Körpergewicht und mangelnde Beweglichkeit die letzten 15 Jahre sind nun mehr als genug gemacht worden, insofern darf man hier eher traurig registrieren, dass man in einer Szene das untrügliche Gefühl hat, dass der arme Seagal sogar seine Arme nur noch schwer hoch bekommt – und alle anderen seiner Action-Szenen höchst seltsam montiert sind, so dass zwar Defizite kaschiert werden, aber keine Wucht aufkommen kann. Der bar jeglicher Einfälle und Esprit inszenierte, budgetmäßig verhungernde Film ist beim Abspann bereits vergessen, auch wenn einige nicht allzu blutige Action-Szenen zumindest leidlich unterhalten. 4/10 Punkte

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Film, Buch & Musik – Streifzüge und Empfehlungen

Was kam mir in letzter Zeit bei meinem Streifzügen so in die Finger, was kann man empfehlen?


Film
Ich finde Schreiberlinge furchtbar, die sich mit der Formel Hollywood=doof, asiatischer Film=immer toll wichtig machen wollen. Davon gib es gar nicht wenige. Deshalb große Entschuldigung, dass sich dieser Abschnitt leider ähnlich liest. Zwei Phantastik-Klopper aus Hollywood habe ich die letzten Wochen gesehen, zum einen die immens erfolgreiche Fortsetzung „The Hunger Games: Catching Fire“. Dass dieser zweite Teil deutlich besser sein soll als der erste, kann ich nicht nachvollziehen. Durchaus slick und unterhaltsam, aber auch für einen Teenie-Film erstaunlich geschwätzig, verblüffend unspektakulär, ideenarm und schematisch. Abnutzungserscheinungen zeigen sich, wird doch im wesentlichen die gleiche Geschichte noch einmal erzählt. Man kommt aber nicht daran vorbei, dass Jennifer Lawrence beim Bogen schießen nach wie vor ein fulminanter, ja fast erotisierender Anblick ist. Betrübt war ich von der Verfilmung von Orson Scott Cards „Ender’s Game“; eine sterile und langatmige Fehlzündung.

Im Moment schließe ich eine Bildungslücke und hole die Filme von Kim Jee-woon nach, der letztes Jahr in Hollywood mit dem Arnold-Reißer „The Last Stand“ debütierte, nachdem er in Korea für einige Hits und Kultfilme verantwortlich war. Diese hole ich jetzt nach.  “A Tale of Two Sisters” (2003) ist ein ausgezeichnet inszenierter, wirkungsvoller Gruselfilm mit hübsch komplizierter Handlung. Nach der Schlusswendung habe ich mich länger im Spiegel angesehen: Werde ich alt und soft? Ich hatte mit dieser Schlusswendung sehr zu kämpfen, die in ihrer Misanthropie ein ordentlicher Schlag in die Magengrube ist, auch wenn kaum zu leugnen ist, dass sie da brillant hinpasst. Der actionreiche Mafia-Film und Kassenerfolg „A Bittersweet Life“ von 2005 hat mir ebenfalls sehr gefallen, eine ausgesprochen gelungene Mischung aus immer wieder aufblitzendem trockenen Humor und ausgezeichnet inszenierten, blutigen Action-Szenen. Auf die weiteren beiden Kim Jee-woon Filme „The Good, The Bad & The Weird“ (2008) und „I Saw the Devil“ (2010) bin ich schon sehr gespannt.

Während er in Hollywood leider immer mehr zum Spott-Objekt gerät, reüssiert Keanu Reeves in China mit seinem Regie-Debüt, dem Wuxia-Film „Man of Tai Chi“, Choreographie. Matrix-Veteran Yuen Woo-Ping. Zugegeben, das Drehbuch ist etwas arg unambitioniert und manches etwas zu routiniert geraten, wenn man aber in den Kampfszenen etwas genauer hinsieht, kann man nur höchste Anerkennung zollen, wie perfekt Choreographie und Handkamera in vielen Momenten abgestimmt wurden und eine wirkungsvolle Einheit ergeben. Also: Die durchschnittliche Oberfläche ignorieren und einige famos inszenierte Kampfszenen genießen. Dann klappt es mit Keanu.  Sonderlich gut lief der Film leider nicht, und da Keanu Reeves auch noch die Hauptrolle in den katastrophalen Kapital-Flop „47 Ronin“ übernommen hatte, befindet sich seine Karriere im Moment leider in unstetem Fahrwasser. Leider? Ja, leider, ich werde Neo wohl immer die Treue halten.

Einen sehr schönen Bollywood-Film habe ich gesehen. Schon auf dem Papier klang es gut, dass der Meister des überwältigend prächtig ausgestatteten Epos, Sanjay Leela Bhansali, sich Shakespeares „Romeo und Julia“ annehmen würde. Das Resultat „Goliyon Ki Rasleela Ram-Leela“ ist dann auch ein toller Farben-, Musik- und Ausstattungsrausch geworden. Die Vorlage ist noch irgendwie erkennbar – und berührt auch in diesem Film. Die Hauptrollen spielen übrigens der noch nicht so bekannte Ranveer Singh und Bollywood-Superstar Deepika Padukone. Was lernen wir daraus? Shakespeare funktioniert nicht nur im klinonischen Original, sondern auch, wenn man die Geschichte in einen Hindi-Film in ein Dorf in Gujarat verlegt. Den Film werde ich wohl noch einmal auf DVD kaufen: Neben der normalen Kinofassung (153 Min) existiert auch eine gut dreistündige Langfassung.

Buch
Manchmal ist einfach das Fleisch willig und der Geist schwach: Eigentlich hatte ich mich von Supermarkt-Bestsellerlieferant James Patterson erfolgreich verabschiedet. Seine Bücher lesen sich fast immer gut weg, bieten aber irgendwie auch immer von allem zu wenig: Nicht nur Sex und Gewalt kommen nur in homöopathischen Dosen vor, sondern auch Plausibilität, guter Schreibstil oder eine intelligente Handlung. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, wenn ich mal wieder zu Krimis greife, was gelegentlich passiert, nach Besserem zu streben. Dann aber nahm ich mir den letzten Michael Bennett-Roman „Gone“ von Patterson vor, weil ich unbedingt wissen wollte, wie die Story vom übermächtigen, geflohenen Drogenboss ausgeht, der die Familie des Helden mit dem Tode bedroht. Eine Familie, darauf kann nur ein Patterson bekommen, die aus unserem Helden, ein New Yorker Polizist, besteht und 10(!!) adoptierten Kindern nebst Nanny, die auf den Helden steht. Nanny? Die Frau des Helden starb nämlich an einer schweren Krankheit. Nun, wie dem auch sei, ich las so ganz angeregt diesen durchaus spannenden Krimi, und als ich nach ein paar Wochen mal wieder darüber nachdachte, was ich im Moment so lese, hatte ich schon wieder den 4.-Patterson-Krimi hintereinander am Start. Ich brauche wirklich mehr Disziplin. Die dabei gelesenen beiden aktuellen Women’s Murder Club-Romane „12th of Never“ und „Unlucky 13“ habe ich sogar ganz gerne gelesen, das schematische Konzept macht einfach Spaß: Ein weiblicher Cop, eine Staatsanwältin, eine Gerichtsmedizinerin und eine Kriminalreporterin erwischen immer wieder sich überschneidende Fälle und helfen sich gegenseitig in Kriminal- und Liebesnöten. Der Reiz der Reihe liegt darin, dass Patterson viele Krimi-Subgenres in dieser Reihe unterbringen kann, vom Police Procedural über den Gerichts-Thriller, und das alles immer gewürzt mit netten Liebesgeschichten.

Kuriert war ich dann erst beim vierten Buch namens „Private Berlin“, eine inzwischen auch achtteilige Krimi-Reihe um die erfolgreichste Privat-Detektei der Welt, die Romane begannen in L.A. und spielen häufig an wechselnden Schauplätzen (London, Australien, demnächst Indien) weltweit. Klar hatte mich interessiert, was Patterson insbesondere aus dem Schauplatz Berlin macht, der Roman wartet aber mit etwas auf, wogegen ich inzwischen hochallergisch bin, weil Mr. Patterson diese Figur zu Tode geritten hat: Den omnipotenten, feixenden Serienkiller als fernes Echo von Hannibal Lector; auch nach einem Vierteljahrhundert ist Patterson über diese Figuren immer noch nicht hinweg. Die. Ich. Einfach. Nicht. Mehr. Lesen. Kann. Ich kann und will nicht mehr.
Nach der Enttäuschung bin ich vielleicht nun endgültig Patterson-kuriert. Wobei. Auf den nächsten „Women’s Murder Club“ nächstes Jahr habe ich jetzt schon wieder Lust. Ich verspreche also lieber nichts..

Nun aber starte ich, wie schon mal angekündigt, einen kleinen Leseschwerpunkt zum Thema, sagen wir mal „Seltsame und unheimliche (See-)Reisen“. Begonnen habe ich heute Morgen schon mit Edgar Allan Poes „The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nuntucket“. Das gibt es ja nur zu sehr wenigen Romanen, umso toller war es, das ich beim Start der Lektüre das entsprechende Konzept-Album auf den Ohren hatte, eine musikalische Vertonung des Stoffes: Das Album „The Giant“ aus dem Jahr 2012 der deutsche Funeral-Doom Band Ahab, die mich u.a. zu diesem Schwerpunkt inspiriert haben. Hinter Ahab stehen die Musiker, die als Midnattsol zusammen mit der Norwegerin Carmen Elise Espenæs auch eine gar nicht schlechte deutsch-norwegische Symphonic Metal-Band bilden. Die Musik von Ahab half mir heute Morgen auch darüber hinweg, mich von James Pattersons Milchzahn-Prosa auf Edgar Allan Poes schon nicht ganz unsperrigen Schwarzbrot-Stil umzugewöhnen.

Vermutlich werde ich nach Poes „Pym“ eine direkte Fortsetzung eines Poe-Bewunderers lesen, „The Sphinx of the Ice Realm“ – eine aktuelle, erstmals vollständige englische Übersetzung von „Le Sphinx des glaces (Die Eissphinx)“ von Jules Verne. Ob ich noch ganz richtig im Kopf ticke? Als deutschsprachiger Leser eine englische Übersetzung eines französischen Romans zu lesen? Nun, eine deutsche Übersetzung ähnlicher Qualität ist nicht greifbar, und für mein Schulfranzösisch ist mir der Verne-Roman zu umfangreich. Danach habe ich mir dann Mievilles „Moby Dick“ (nebst Verfilmungen), Lovecrafts „At the Mountains of Madness“ und Dan Simmons‘ „The Terror“ vorgenommen. Hört sich alles sehr vielversprechend an, mal sehen, wohin mich diese Reise führt. Jahrzehntelang hatte ich fast gar keine Lust auf literarische See-Reisen, jetzt plötzlich irgendwie schon. Häufig führt mich so etwas noch zu anderen Büchern, manchmal auch unfreiwillig durch Abbrüche oder auch einfach nur mal einem Satz, der mich auf ein anderes Buch aufmerksam macht. Und schon ist man wieder völlig woanders unterwegs. Meine irgendwie geartete literarische Präferenz für das 19. Jahrhundert scheint immer wieder durch und wird wohl auch bleiben. Macht ja nichts, in meinem Alter muss man sich ja nicht mehr immer nur schämen, wenn man von gestern ist. J

Musik
Ich bin immer noch schwer begeistert davon, dass ich vor allem via iTunes inzwischen in der Lage bin, fast sämtlichen größeren indischen Filmindustrien musikalisch aktuell zu folgen. Ich schaue also in der Regel Anfang/Mitte der Woche nach, was in Bollywood und den vier großen südindischen Filmindustrien (in den Sprachen Tamil, Telugu, Kannada und Malayalam) fürs nächste Woche auf dem Startplan steht (manchmal, aber selten, gibt es auch aktuelle Alben zu Filmen in Bengali, Marathi oder Punjabi), packe mir die entsprechenden Soundtrack-Alben (man findet wirklich sehr viel und ganz aktuell bei iTunes, das haben die Inder offensichtlich für sich entdeckt und nutzen das sehr intensiv) in meine Wunschliste und höre mir in Ruhe die Hörproben durch, ob da etwas für mich dabei ist. Manches findet man auch bei Streaming-Diensten wie Spotify, aber nur wenig. Ja, bei iTunes muss man die Tracks kaufen, das bringt einen aber finanziell nicht um, denn: In der Regel höre ich mir durchaus 5-10 Alben probeweise durch, destilliere mir daraus 5-10 Tracks, die beim ersten Anhören lohnenswert klingen und höre die noch etwas intensiver als Hörproben. Davon kommen dann die guten ins Kröpfchen (Kauf-Button) und die schlechten ins Töpfchen (Delete-Button), so dass ich in der Regel, wenn überhaupt, bei 1-3 neuen Songs die Woche lande. Die finanzielle Investition von 0-3 Euro die Woche ist wirklich verkraftbar und es macht mich sehr glücklich, so ständig mit frischer indischer Filmi-Musik versorgt zu sein. Manche Titel höre ich so häufig, da machen sich die 99 Cent bei iTunes zigfach bezahlt.

Meine Lieblinge der letzten Monate: „Malang“ aus dem Bollywood-All Time Hit Dhoom: 3, „Paattu Onnu“ aus dem tamilischen Frühjahrs Hit Jilla und aktuell das hypnotische „Lori of Death“ aus dem Grusel-Erfolg Rangini MMS 2.

Im Metal war ich die letzten Wochen weniger unterwegs, ich fand auch nichts richtig Großes. Aktuell bin ich sehr angetan von dem Serienmörder-Konzept Album „Mitgift“ von Subway to Sally, die ihren Sound mit dezenten Dubstep-Einlagen modernisiert und gelungen verfeinert haben. Und als Power Metal-Fan bin ich auch sehr zufrieden mit dem gerade erschienenen Gamma Ray-Album „Empire of the Undead“ – insbesondere das neunminütige Eröffnungsepos „Avalon“ ist toll geworden. Wenn Freunde härter Gangart hier entsprechende Empfehlungen aus dem Death- und Black Metal Bereich vermissen: Sorry, ich habe einfach die letzten Wochen nichts gefunden, was mich da standesgemäß weg geblasen hat. Um zumindest etwas zu nennen: Die Death Metal EP „Dehumanization“ von der noch recht neuen Truppe Five Dollar Crackbitch (schöner Band-Name) fand ich ganz hörenswert und im Black Metal konnte ich mit dem neuen Kampfar-Album „Djevelmakt“ einiges anfangen, auch und gerade mit den dortigen Folk Metal-Elementen.

Die letzten Wochen war ich mehr mal wieder im Hip Hop unterwegs und beobachte u.a. fasziniert den Trend das deutscher Hip Hop erstaunlich reüssiert und jeder etwas größere Act realistische Chancen hat, tatsächlich die Nummer 1 der deutschen Album-Charts zu erobern, was inzwischen häufiger passiert. Und das teilweise durchaus zu recht: Die Alben habe ich mir teilweise auch zugelegt und nicht bereut: Bushidos „Sonny Black“ ist herrlich wütend und druckvoll, Farid Bangs letztwöchiger Nummer 1-Hit „Killa“ besitzt hohen Unterhaltungswert durch mal wieder herrliche Punch-Lines, nur Marterias Erfolgsalbum „Zum Glück in die Zukunft 2“ vermochte mir als zu poppig nicht so zuzusagen, auch wenn ich die Single „Kids (2 Finger an den Kopf)“ gerne und viel gehört habe – wie soll es auch anders gehen, wenn er über Wu-Tang Tattoos rappt? Nun warte ich natürlich gespannt auf das neue Kollegah-Album „King“ Anfang Mai, den Typen mag ich irgendwie und gucke sogar inzwischen recht regelmäßig seinen YouTube-Channel (die Sendung Bosshaft Latenight). Sein Humor liegt mir, und ja, man kann tatsächlich bosshafter pumpen, wenn man dabei seine Musik auf den Ohren hat. Die bisherigen Promo-Singles zum neuen Album wie „Alpha“ oder insbesondere das ausgezeichnete „Schwarzer Benz“ klingen vielversprechend. Grandios war sein Interview in der Juice vom letzten Monat. Das habe ich mehrfach(!) vollständig gelesen, sagenhaft unterhaltsam.

US-Hip Hop? Das würde zu viel Text werden, hier muss ich es bei kurzen Empfehlungen belassen. Im Moment stehe ich insbesondere auf Gucci Mane. Der kriegt zwar sein Leben nicht auf die Reihe und muss ständig einsitzen, liefert aber immer wieder tolle Trap- und Southern Hip Hop-Tracks, ich höre mich gerade durch seine sämtlichen Alben (zehn Stück in nicht mal zehn Jahren) und Mixtapes (über 30(!) in der gleichen Zeit). Tipps: Der Titeltrack auf „Trap House 3“. Oder „Pull up on ya“ vom aktuellen Album „The State vs. Radric Davis II: The Caged Bird Sings“. Oder “Cinderella” vom letztjährigen Mixtape “World War 3: Lean”.
Gerne höre ich im Moment auch E-40, de mit Mitte vierzig seinen zweiten Frühling erlebt und in den letzten vier Jahren mehr Alben (12!) veröffentlicht hat, als in den 15-20 Jahren davor (9)! Die meisten davon auch noch sehr hörenswert mit mindestens 1-3 tollen Tracks pro Album.
Das zurecht viel gelobte „Oxomyron“ von Schoolboy Q gefällt mir auch sehr, der Track „Los awesome“ ist jenes auch.
Und, ohne viele Worte noch folgende Tipps, einfach ausprobieren: Das Debüt-Album von A$AP Rocky aus dem letzten Jahr „Long.Live.A$AP“ (Anspiel-Tipp: „Hell“ mit Santigold und „Wild for the Night“ mit Skrillex), das „Red Album“ von The Game mit grandiosem Tyler, The Creator-Feature im Track „Martians vs. Goblins“ (auch wenn er Tyler Perry disst) und wunderbarem Kernkraft 400-Sample in „Red Nation“. Dann „Pluto“ oder „Pluto 3D“ von Gucci Manes Nachbarn Future („Same Damn Time“ ist ein netter Track auf dem Pluto-Album), sowie das „Cilvia Demo“ von Isiah Rashad (Track-Tipp: „Menthol“) und das Mixtape „Free Crack“ von Lil Bibby (Track-Tipp: „Raised Up“). Sollte reichen an Tipps, oder?

Sorry für mangelnde Direkt-Verlinkungen, aber dann würde der Artikel nie fertig werden.

Schließlich: Im Bereich Electronica war ich die letzten Wochen weniger unterwegs, das ändert sich aber gerade: Klaus Schulze brachte letzte Woche den 15. Teil seiner Compilation-Reihe „La Vie Electronique“ heraus, Tangerine Dream veröffentlichen gerade diese Woche zwei neue Alben („Chandra Pt. II“ und ein weiteres GTA V-Album, diesmal konzentriert nur auf die TD-Musik) und am Freitag kommt das neue Album des franzöischen Berliner Schule-Künstlers Bertrand Loreau namens „Spiral Lights“ heraus. Ich schätze Loreaus Werk inzwischen und freue mich darauf.

 

Und damit soll es das für heute auch gewesen sein. Kommentare hier oder in den sozialen Netzwerken, in welchen ich auf diesen Artikel verlinke, sind wie immer sehr willkommen. Ich hoffe, der nächste solche Artikel lässt nicht zu lange auf sich warten. Zum Ausgleich ist dieser hier aber doch recht lang geworden, oder? Länger, als ich geplant hatte. Wie immer.

Gesehen: Nobody Knows

(OT: 誰も知らない / Dare mo Shiranai)
Filmdrama von Hirokazu Kore-Eda, Japan 2004, 141 Minuten (DVD/NTSC), Format. 1,66:1

Mutter lässt für einen Mann ihre vier Kinder im Alter von 5-12 Jahren völlig alleine in ihrer Wohnung zurück; bei knappem Geld müssen die Kleinen jetzt völlig alleine zurecht kommen. Fiktionalisierte, abgemilderte Nacherzählung eines waren Falls aus dem Jahr 1988 aus Sugamo (Toshima-Bezirk, Tokio) von Hirokazu Kore-Eda, der neben der Regie auch für das Buch, die Montage und die Produktion verantwortlich zeichnete.
Die eigentlich monströse Geschichte wird in einem sehr ruhigen Erzählfluss dargeboten, kommt fast ohne Moralisieren und völlig ohne Emotionalisieren aus und setzt eher auf Andeutungen. Ein Film, der still zu schreien vermag. Gelegentlich wird die Geduld etwas strapaziert in diesem fast zweieinhalbstündigen Werk, dafür wird man aber entlohnt durch die detailverliebte Inszenierung, kadriert im etwas engerem europäischen Breitwandformat (1,66:1), die fesselnde Darstellung des damals erst vierzehnjährigen Yuja Yagira und ein Finale von enormer (stiller) Kraft, das man in seiner Wirkung so schnell nicht vergessen kann.
Keine spekulative Anklage, sondern ein großes humnaistisches Werk.

Punkte: 8/10

Der deutsche Trailer: