Gelesen: Winnetou – Eine neue Welt von Tinka Edel

Winnetou - Eine neue WeltWinnetou – Eine neue Welt by Tinka Edel
My rating: 3 of 5 stars

Was ist das hier? Dies ist eine Jugendbuch-Adaption des ersten Films des großen RTL-Dreiteilers, der Karl Mays Winnetou-Trilogie an Weihnachten 2016 „neu interpretiert“, geschrieben von Tinka Edel. Zugegeben, zumindest als Fan von Karl May und/oder Winnetou braucht es einige Überwindung, bis man so ein Buch mit einem auch noch abscheulich gestalteten Trash-Cover zur Hand nimmt, denn warum muss eine Dame namens Tinka Edel den Winnetou-Stoff neu erzählen, wenn doch das Original des Maysters ebenfalls greifbar ist und immer noch reichlich aufgelegt wird? Abgesehen ggf. von Rechtsgründen?

Bei diesem Buch sind Licht und Schatten sehr klar verteilt, sortieren wir mal und fangen mit den positiven Merkmalen an:

Trotz des Trash-Covers, trotz der Tatsache, dass die Autorin bisher nur Credentials als Pferde-Autorin aufweisen kann, zunächst Entwarnung: Tinka Edel kann zumindest ordentlich und routiniert schreiben, das Buch liest sich flüssig und flott weg und ist sprachlich zumindest annehmbar. Das ist schon mal viel wert.

Dann: Ja, es wird deutlich von der Vorlage abgewichen, das ist aber nun mehr als vertretbar, denn Karl May selbst hat seine Stoffe immer wieder überarbeitet und sogar testamentarisch verfügt, dass die Bücher auch von Dritten überarbeitet werden dürfen, eine Möglichkeit, von welcher auch der Karl May Verlag (der hiermit nichts zu tun hat) seit 100 Jahren reichlich Gebrauch gemacht hat. Auf dem Weg von Karl Mays „Winnetou I“ hin zu „Winnetou – Eine neue Welt“ von Tinka Edel wurde insbesondere Mays doch sehr ausufernde Erzählung stark verkürzt und geglättet, diverse Indianer-Stämme gestrichen und die unzähligen Gefangennahmen und Kämpfe auf wenige reduziert, wie auch die Figuren. Das berühmte Westmann-„Kleblatt“, welches Old Shatterhand zur Seite steht wird auf eine Person eingedampft, Sam Hawkens natürlich, und dieser tritt auch nur am Rande auf, wenn ich mich nicht irre (und „hihihi“ sagen darf er auch nicht mehr). Die Bösewicht-Rolle wird von dem Gauner Santer auf den Vorarbeiter Rattler übertragen, der im Buch eine unrühmliche Rolle am Marterpfahl spielt, hier aber sogar zum Mörder von Winnetous Vater transformiert wird (für wen das nach über 100 Jahren ein Spoiler ist – sorry, verloren, Pech gehabt!) – aber nicht, und das ist eigentlich die radikalste Abkehr von Karl Mays Original: Dies haben sich nicht mal die Kinofilme der 60er Jahre getraut: In „Winnetou – Eine neue Welt“ überlebt die sich in Old Shatterhand verliebende Ntscho-tschi, Winnetous Schwester! Sie stirbt nicht wie bei Karl May oder Lex Barker und Pierre Briece tragisch und darf hier somit an der Seite von Old Shatterhand weitere Abenteuer erleben. Dies ist sogar eine sinnvolle Änderung, da Karl Mays Original-Stoff fast völlig ohne große Frauenfiguren auskam – da May zwar im wirklichen Leben sehr viel mit Frauen anfangen konnte, häufig aber nicht in seinen großen Abenteuer-Epen für Jungs.

Fängt die Ausgangskonstellation des Buches und die ersten Szenen noch sehr ähnlich an, wie in Karl Mays Original, wird dann spätestens ab der Mitte deutlich abgewichen, hier hat „Winnetou – Eine neue Welt“ dann inhaltlich faktisch nichts mehr mit dem Original „Winnetou I“ zu tun, aber, was solls? Was viele Fans immer gerne vergessen: Das hatten die Kinofilme der 60er auch nicht. Auch diese waren im wesentlichen nur „frei nach Karl May“ erzählt, so dass dieser neue RTL-Film, auf dem dieser Roman beruht, dies natürlich auch für sich in Anspruch nehmen darf. Und wir auf eine originalgetreue Verfilmung weitere Jahrzehnte warten dürfen.

Soweit die positiven Seiten, nunmehr die hässlichen und negativen:

Diese neuen Winnetou-Stoffe sollen laut Verlags-Eigenwerbung „zeitgemäß und spannend“ die von Karl May erdachte Handlung neu interpretieren, und da schießen sich die Macher dann schon etwas mit dem Henry-Stutzen in den Fuß: Der Karl May Verlag wird damit zitiert, dass die neuen Filme, auf welchen diese Kosmos-Bände basieren, nicht „frei nach, sondern frei von“ Karl May sein sollen. Das stimmt leider, und dann stellt sich schon die Frage: Warum Karl May neu erzählen, wenn man all das streicht, was einen Karl May-Roman so schön und besonders macht? Winnetou und Old Shatterhand sind hier nicht mehr die Proto-Superhelden, die alles können und wissen, schon die ganze Welt bereist haben und das alles, obwohl sie nicht mal dreißig sind, nein, hier sind Old Shatterhand und Winnetou ziemlich normale Helden mit normalen Fähigkeiten; Old Shatterhand bringt Winnetou das Boxen bei, Winnetou Old Shatterhand das Anschleichen. Mehr nicht. Na prima. Das mag realistischer sein, die verträumten Jungen-Allmachtphantasien, die den speziellen Reiz und den Riesen-Erfolg von Karl May ausmachten – weg. Old Shatterhand ist hier auch nicht mehr ein moralisch weit überlegender, gläubiger Christ, nein, er ist getauft, glaubt aber ansonsten „nur an die Vernunft“. Wie modern. Wie unendlich, unendlich langweilig aber auch. Vor allem passen dann gerade im Finale einige Handlungselemente nicht mehr: Warum sollten die auf Rache sinnenden Apachen die Bösewichte so verschonen?!
Einige Ecken und Kanten von Mays Stoffen wurden ebenfalls getilgt, ungerührt auf Pferde wie Ende des 19. Jahrhunderts schießt hier niemand mehr, und am schlimmsten: Alles, was den besonderen Charme des Maysters ausmachte, alle Skurillitäten, alles Spinnerte (wie ein Zauberwort, so dass ein Pferd wie ein Pfeil davon schießt), aller Humor, alle Liebenswürdigkeit der Figuren, alle Verhandlungen über Moral und Ehrgefühl, alles weg. Ein nüchterner Winnetou für unser nüchternes Zeitalter der Behördenbescheide auf grauem Umweltpapier – in eine andere Welt träumen, wie es früher mit dem Mayster problemlos möglich war, fällt hier sehr schwer. Sind dies alles eher Mängel, die Fans und Lesern von Karl May stören werden, gibt es aber auch ein objektives, großes Problem: Dies ist ein Jugendbuch, in welchem die Autorin zu einer gewissen Kürze streng verdonnert war. Vermutlich ist der über zweistündige Film sogar ausführlicher als dieser Roman, der so verknappt ausfallen musste, dass er teilweise, und das ist schon übel, sich nicht wie ein kurzer Roman liest, sondern eher wie eine sehr lange Zusammenfassung eines Romans. Alle Ereignisse der Handlung werden verhältnismäßig schnell und nüchtern abgehandelt, mit Details gespart, Verweilen ist nicht. Es kann nicht die Aufgabe von Zusammenfassungen sein, Emotionen und Aufregung eines Stoffes zu vermitteln, dies wirkt sich aber hier fatal aus, denn beides bleibt so hinter einer Plexiglasscheibe für den Leser unerreichbar.
Angesichts des Covers und der Vorgaben hätte der Roman eine richtige große Katastrophe werden können, das ist er nicht. Empfehlenswert ist er aber auch nicht sonderlich, denn „zeitgemäß“ heißt hier einfach nüchtern und langweilig, und „spannend“ stimmt einfach nicht, weil der Stoff dafür zu sehr verknappt werden musste um atmen zu können.
Somit kann das Buch neben Anhängern des TV-Films eigentlich nur sehr neugierigen Winnetou- oder Karl May-Komplettsammlern empfohlen werden, denn ob Jugendliche, die heute in der Regel keinerlei Bezug mehr zu Westernstoffen haben, zu diesem vorgeblich „zeitgemäßen“ Buch greifen, dürfte sehr fraglich sein.

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