Lesesplitter Anfang November 

Aus meinem Lesestapel picke ich heute mal folgende Bücher raus, an denen ich gerade lese und erzähle kurz davon:

Normalerweise kaufe ich Bücher nur ungerne beim Autor direkt, bei „Dracula vs. Hitler“ von Patrick Sheane Duncan habe ich aber eine Ausnahme gemacht und dieses direkt bei dem Autor auf Inkshares erworben, hier: https://www.inkshares.com/books/dracula-v-hitler
Der Roman liest sich erfreulich gut an, das ist trotz Nazis vs. Phantastisches Element nicht der auch mögliche luschtige Pulp-Trash, sondern ein eher „seriöser“ Abenteuerroman, der eine respektvolle Verbeugung vor Stokers großem Klassiker sein will (Abraham Van Helsing, seine hübsche und als Kämpferin furiose Tochter und der Enkel von Jonathan Harker sind die Helden), gleichzeitig aber in erstaunlich ernsthafter Historizität und Grimmigkeit Massen-Exekutionen der SS-Besatzer in Rumänien aus Sicht der Partisanen schildert. Offensichtlich will der Autor Duncan die Dracula-Figur (die nach knapp einem Fünftel des Romans noch nicht richtig aufgetreten ist) in ein halbwegs ernstzunehmendes historisches Setting einbinden – das könnte interessant werden und ist mir alle mal lieber, als der nächste Nazis auf dem Mars/Mond oder sonstwo-Quatsch.

Da es im Moment mein einziges Print-Buch ist (Rest: Alles Kindle), habe ich mal ein Bild von Doktor Faustus von Thomas Mann angefügt. Der Roman macht mir immer noch großen Spaß, nach einem guten Fünftel hat die faustische Handlung noch gar nicht richtig angefangen: Thomas Manns Spätwerk will auch ein Bildungsroman sein und wir befinden uns zeitlich gerade noch in der Studentenzeit des Erzählers und des Komponisten Leverkühn, der das Zentrum der Handlung ist. Thomas Mann hatte offensichtlich furchtbar viel Spaß dabei, schrullige Uni-Professoren und deren Macken zu schildern, der Spaß bei dieser Art „Pennälerstoff“ überträgt sich ungebrochen auf den Leser. Ich komme manchmal aus dem Grinsen nicht heraus. Interessant ist natürlich, dass diese Beschreibungen erstaunlich dicht und stimmig sind, obwohl Mann den Unibetrieb ja nur als Gastdozent kannte und als zertifizierter Schulabbrecher mit Weg hin zum Nobelpreis nie selbst Student war..

Immer noch ein großes Vergnügen für mich ist das Fantasy-Epos (TV-Rechte verkauft!) „The Grace of Kings“ von Ken Liu, dessen noch dickerer Nachfolger ja gerade erschienen ist. Der recht komplexe Roman liest sich fordernd, dafür wird man aber mit wunderbar lebendigen Figuren und atmenden Szenen belohnt, praktisch jede Seite ist eine große Freude. Ich stelle allerdings an mir selbst fest, dass ich bei den vielen Willkür- und Gewaltexzessen, die die handelnden Despoten begehen, ganz schön schlucken muss. Vielleicht werde ich mit zunehmendem Alter einfach zu weich für sowas.

Ich lasse mir Zeit und habe Langmut, Anfang Februar diesen Jahres habe ich den 2.600+ Seiten Kolportage-Roman Wälzer „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“ von Karl May angefangen, kürzlich habe ich die Seite 1.000 überschritten – und an aufgeben ist nicht zu denken: Vielleicht auch gerade durch die Portionierung, ich habe in über 1.000 Seiten noch keine einzige Seite, ja noch keinen Absatz gefunden, bei dem ich mich gelangweilt habe. Kein Wunder, dass Mays Roman im 19. Jahrhundert so erfolgreich war (wohl der erfolgreichste Kolportage-Roman überhaupt), dieses übervolle Füllhorn an Abenteuern mit allem, was das Herz begehrt: Räuber, Piraten, Grafen, Schurken, Indianer, strahlende Helden, die alles können und wissen, vollbusige Schönheiten (deren Busen immer „wogt“ – Mays Lieblingswort, was ihm der Karl May Verlag in der späteren und heute noch lieferbaren, gründlich umgestellten fünfteiligen Buchausgabe schnöde strich – ich lese natürlich das Original von damals!) und einer spannenden Intrige, Actionszene und Rettung in letzter Minute nach der anderen. Da kann man wirklich ins Schwärmen kommen, hach ist das alles schön. Schön auch, dass durch das Alter des Stoffes einige Kanten nicht abgeschliffen sind: Der Held schießt schon auch mal auf Pferde, oder mal eben 30(!!) Räuber auf einmal über den Haufen. Die Lesegeschwindigkeit habe ich deutlich heaufgesetzt: Der Roman wurde damals in 109 Lieferungen (=ungefähr 25 DIN A 5-Seiten..) verbreitet, ich fing mit einer Lieferung die Woche an, und bin inzwischen regelmäßig bei 2-3 Lieferungen die Woche, die lese, im Moment Lieferung 45 von 109. Und dass ich noch über 1.600 Seiten vor mir habe, erfüllt mich nicht mit Angst, sondern mit großer, wogender Wonne.

Deutlich, ja drastisch kürzer ist die Trilogie mit drei Kurzromanen, ja Novellen, des historisch sehr bewanderten und aktiven Thomas Ostwald aus dem Blitz Verlag, der Karl Mays urheberrechtfreien Helden Old Shatterhand in Norddeutschland ein Abenteuer unter deutschen Auswanderern erleben lässt. Ganz ehrlich, dieser kurze Auftakt-Band (keine 120 Seiten in der Print-Ausgabe) hat mich richtig begeistert, denn der Autor trifft ganz exakt und fabelhaft den Tonfall von Karl May und die Auswanderer-Atmosphäre ist zum Schneiden dick. Ich fiebere den Fortsetzungen entgegen. Ach ja, wie der Band heißt: „Karl Mays Old Shatterhand – Neue Abenteuer 01: Aufbruch ins Ungewisse“.
Ach ja II: Nein, es ist nicht ungewöhnlich, den Westmann Old Shatterhand in Deutschland ein Abenteuer bestehen zu lassen, das hatte der Mayster auch schon getan.

Dann noch kurz zu einigen Novellen:

Ich lese mich im Moment durch den Band „The Year’s Best Science Fiction & Fantasy Novellas, 2016 Edition“ von Paula Guran, der mit dem preisgekrönten „Binti“ von Nnedi Okorafor anfängt. Begeisterte mich die Novelle zunächst durch ihre tolle Sprache und die wunderbare namibische Heldin aus dem Volk der Himba, mündet das alles in eine allzu gewöhnliche Alien-Contact Geschichte. Trotzdem: Anfang des Jahres veröffentlich die Autorin eine von zwei Fortsetzungen, die dann nicht im All, sondern bei der Familie der Heldin in Afrika spielen soll (heißt dann auch: Binti: Home), vielleicht schaue ich da trotzdem noch mal rein, denn sprachlich ist Okorafor schon berückend.

Die Bookshots genannten Kurzromane von James Patterson haben was, einfach ein kurzer, netter Spannungs-Fix, den man in einer Stunde gut durch hat. Gelesen habe ich „The Women’s War“ von James Patterson & Shan Serafin, der zwei weibliche Heldinnen einer Kampfeinheit gegen einen Drogenbaron antreten lässt. Ein düsteres, brutales, aber spannendes und tempo- und actionreiches Kurz-Abenteuer. Hatte was.

Nach über 15 Jahren Abstinenz bin ich durch die gerade auf Tor.com veröffentlichte Novelle „The Loud Table“ mal wieder auf Jonathan Carroll gestoßen. Die Story erzählt von einem Altherren-Stammtisch, welchen der Autor dafür nutzt, ganz wunderbare Beobachtungen über das Älterwerden einzustreuen, bis die kurze Geschichte (keine 25 Seiten) mit einer überraschenden Phantastik-Pointe endet. Wenn ich als SF&F&H-Leser diese Pointe als unnötig empfinde, liegt was im Argen. Trotzdem: Lesenswerte Geschichte. Schön, mal wieder was von Carroll gelesen zu haben. Habe seinen Stil vermisst, glaube ich, muss mal seine letzten Romane irgendwann nachholen.

Das war es für heute. Kommentare, Lob und Kritik wie immer sehr willkommen.

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6 Kommentare

  1. Deine Lesesplitter lese ich immer sehr gerne, faszinierend, wie du bei so vielen Büchern und Geschichten den Überblick behalten kannst. „Grace of Kings“ habe ich im letzten Jahr begeistert verschlungen, trotzdem schreckt mich die Länge von „Storm of Walls“ momentan ein wenig ab. Da muss ich noch warten, bis ich wieder mehr in Fantasy-Stimmung bin.

  2. Ich würde auch den Überblick verlieren.
    Thomas Mann. Ich hatte ja mal versucht, den Zauberberg zu lesen, ihn dann aber noch viel eher als Buddenbrocks abgebrochen. Ich glaub, das wird mit uns nichts mehr.

  3. Bei den neuen Abenteuern von Old Shatterhand ist sein Reisebegleiter faszinierend: Friedrich Gerstäcker, der Mann, der Karl May wahrscheinlich am meisten zu seinen Abenteuern inspiriert hat. Der echte deutsche Wild West Mann, der Karl May nie war

    1. Ja. Wobei das erzählerisch schon eine ungewöhnliche Entscheidung ist, denn diese Figur ist ja eigentlich eine Art Dopplung zu Old Shatterhand, das macht man ja normalerweise nicht. Insbesondere, einem unschlagbaren Helden einen zweiten unschlagbaren Helden an die Seite stellen. Funktioniert im Kontext des Romans aber prima.

  4. Nope, das lasse ich nicht gelten. Winnetou hatte ja schon ein ganz anderes Wertesystem als der hochedle Old Shatterhand und durch den anderen Kulturkreis war die Figur schon stark unterscheidbar, auch wenn, da hast Du recht, beide Proto-Superhelden waren.

    Wollte erst „unbezwingbar“ schreiben, das stimmt bei Winnetou ja aber leider nicht. 😦

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