Lesesplitter

Ungeordnete Schlaglichter aus meinen Leseerlebnissen. Bitte einfach herauspicken, was einen interessiert..

Während ich bei „Perry Rhodan“ der Erstauflage gerne folge, bekomme ich bei den Miniserien „Arkon“ (hänge da hinterher) und „Jupiter“ (da bin ich auf dem Laufenden, noch) langsam Probleme. Ich konnte bei Rhodan noch nie leiden, dass ich zu jedem Volk, auf das die Helden treffen, deren Hintergrundgeschichte präsentiert bekomme. Das interessiert mich meist überhaupt nicht, hilft zur Streckung der Romane und Zyklen aber natürlich enorm. Weiß nicht, ob ich Arkon und Jupiter noch weiter lese. Und in der Erstauflage erfuhr Gucky im aktuellen Roman die Hintergrundgeschichte von…argh.

Bleiben wir kurz bei deutschen Space Operas, insbesondere bei Klassikern. Bei „Ren Dhark“ verfolge ich die aktuelle Handlung der sieben Mal im Jahr erscheinenden Buchserie „Ren Dhark – Weg ins Weltall“, die ganz bewusst gegen die großen kosmischen Zusammenhänge bei „Perry Rhodan“ konzeptioniert sind und sehr bodenständige Agentenabenteuer erzählt – allerdings so, wie man das vor Jahrzehnten erzählt hat, was einerseits zu der Serie passt, aber nicht so richtig in das Jahr 2016. Die Bodenständigkeit ist eigentlich nett – könnte aber irgendwann mal auf den Geist gehen.

Zu schade, dass die „Rex Corda“-Bücher bei Heinz Mohlberg so schön aufgemacht sind. SF, vor welcher der Deutschlehrer immer gewarnt hat? Das ist Rex Corda. Wirklich grottig-scheußliche Sprache und absurde Handlung? Das ist Rex Corda – und noch schlimmer als das.

Auch wenn sie wunderschön editiert ist, aufgegeben habe ich die weitere Lektüre von „Sun Koh“, der Heftserie von Paul Alfred Müller aus den 1930ern. Das ist schlicht und einfach alles zu simpel gestrickt und verfügt auch nicht über den spritzigen Einfallsreichtum, um da dran zu bleiben. Hier ne Gefangennahme, da ne Schlägerei. Würde man ja alles hinnehmen, wenn die Figuren besser und die Handlung verschrobener wäre, aber irgendwann beschleicht einen das furchtbare Gefühl: Da kommt nix mehr, was sich noch lohnt..

Dirk van den Boom hasst es, wenn ich ihm immer erzähle, dass ich in seinen Roman sich mit den Namen seiner Figuren und Alien-Rassen verheddere. Da ich seinen ersten Skiir-Roman für eine andere Dirk-Lektüre unterbrechen „musste“, habe ich jetzt aber wieder exakt dieses Problem. Wer war diese Alienrasse und jene Figur nochmal? Um es mal ketzerisch zu sagen: Über einiges kann man auch einfach drüberlesen..

2-3 Jahre währte die Abwesenheit, nun bin ich Ein-Mann-Imperium James Patterson wieder verfallen. Im Moment lese ich seinen neuesten Nr.1-Bestseller „Woman of God“ um eine Ärztin in Afrika, die später in der Hierarchie einer Abspaltung der katholischen Kirche rasant aufsteigt. Das erste Drittel war ziemlich toll und schilderte mit großer Intensität ein Lazarett in Südsudan, seitdem ist der Roman leider reichlich unglaubwürdig und sprunghaft geworden. Schade.

In zwei Wochen veröffentlicht Patterson als so genannten Bookshot (günstige EBook-Novellen) den Krimi „Taking the Titanic“ und schildert einen Krimi auf dem untergehenden Schiff. Moment, ach ja. Kürzlich hatte ich ja über Bernward Schneider hier erzählt und die vielen Gemeinsamkeiten, wie wir haben (vorliebe für Karl May, Kolportage etc.). Schneider hat ebenfalls einen Krimi veröffentlicht, der auf der Titanic spielt, deshalb habe ich jetzt „Todeseis“ angefangen, der sich am Anfang fast wie in Edgar Wallace-Roman (mit etwas mehr Sex) liest..

Immer noch unmöglich und unfair finde ich, wie früh Michael Crichton von uns gegangen ist, was habe ich praktisch jeden seiner Romane geliebt. Jetzt bin ich an seinem teilweise posthum veröffentlichen letzten Roman „Micro“ dran, der von Richard Preston (ja, Bruder von Dogulas) vollendet wurde. Ich habe von Crichton und Preston (Richard zumindest) alles gelesen, kann aber trotzdem nicht sagen, wer was verfasst hat. Liest sich gut an, schön so Crichtons Werk noch etwas verlängern zu können. Und dann hat Crichtons Witwe in der Garage gerade noch ein Manuskript gefunden (kein Witz, kommt nächstes Jahr..).

Nach drei Jahren Pause habe ich zurück zu Stephen King gefunden. Ich musste mich erstmal an „Doctor Sleep“ herantrauen, der teilweise seine Alkoholkrankheit verarbeitet. Harter Tobak, aber toll geschrieben. Erwähnte ich harter Tobak?

Nach gut zehn Jahren Pause und zwei gescheiterten Versuchen habe ich auch zurück zu Dean Koontz gefunden. Seinen spezifischen Stil, wie er Figuren beschreibt und Stimmungen einfängt und seine häufig ins blumig-schwärmerische abgleitende Prosa muss man mögen, Millionen tun das und ich früher auch, ich habe in den 1990ern und Anfang 2000 seine Romane geradezu verschlungen. Dann konnte ich das eine zeitlang nicht mehr ab. Jetzt lese ich das wieder mit großer Freude und lese die beiden Novellen „Last Light“ und „Final Hour“, die in seinen großen (zumindest: langen) aktuellen Roman „Ashley Bell“ münden. Dean, ich bin wieder da! Sorry für die lange Trennungszeit. Brauchte die einfach mal.

Zwei Fantasy-Epen lese ich im Moment, die werden mich sicher noch einige Monate beschäftigen, weil beide recht lang sind: Beide enthalten das Wort King im Titel, wobei das Zufall ist. Einmal „The Seer King“ von Chris Bunch und „The Grace of Kings“ von Ken Liu.

„The Seer King“ des bereits verstorbenen Chris Bunch ist der Auftakt einer Military-Fantasy Trilogie und ziemlich gut geschrieben mit intensiven Schlacht- und vielen Sexszenen. Im wahrsten Sinne des Wortes Vollblut-Fantasy. Ich muss gestehen: Gerne mehr davon. Hat noch jemand Tipps für diese Art von Fantasy, bitte..?
Kurzgeschichten-Preiseeinheimser und chinesische SF-Übersetzer Ken Liu hat sich ebenfalls an ein großes Fantasy-Epos gewagt und ich habe „The Grace of Kings“ erstmal mit spitzen Fingern angefasst, weil ich fürchtete, dass der Zugang alles andere als einfach sein würde. Mitnichten, ein Glück! Packende Figuren, glasklare Gedankenführung, guter Stil, viel Einfallsreichtum, aber auch Härte. Tolle epische Fantasy! Macht sehr viel Freude. Das gibt mir Mut, erstmal weiter zu lesen, auch wenn ich mir da was vorgenommen habe: Schon Band 1 ist über 600 Seiten lang, der gerade veröffentlichte zweite Teil „The Wall of Storms“ ist bereits ein furchteinflößender fast-900-Seiten-Findling..

Wie jeden Herbst nehme ich mir auch dieses Jahr wieder ein Buch von Thomas Mann vor, dieses Jahr „Doktor Faustus“, auf das ich wegen des Themas sowieso Lust hatte: Komponist geht faustischen Pakt ein und hat Jahrzehnte Riesenerfolg, der Preis: Seine Seele.. Auf den ersten 50 Seiten entschuldigt sich der Autor mehrfach dafür, dass sich das alles so langwierig und lahm liest. Was denn? Finde ich gar nicht, bisher finde ich es sehr gut zu lesen. Sorge macht mir eher, dass der Roman viele und heftige Ausflüge in die trockene Musiktheorie unternehmen soll, was mir so gar nicht liegt, mal sehen, wie ich damit zurecht komme, wenn ich da hin komme.

Erst kürzlich stieß ich auf den Zeitgenossen und großen Konkurrenten von Karl May namens Robert Kraft und lese jede Woche in zwei seiner mäandernde Riesen-Epen weiter: In sein Spätwerk „Loke Klingsor“, das deutlich den spiritistischen Geist der 1920er atmet und mich mit zig verschrobenen Ideen auf jeder Seite blendend unterhält. Und „Detektiv Nobody“, sein Krimi-Epos aus der Zeit von 1905. Auch dieses wirft eine ganze Fülle von Ideen auf den Leser und überzeugt durch rasantes Tempo und ständige Schauplatzwechsel, manchmal würde man sich hier aber schon ein paar Kürzungen wünschen. Loke Klingsor erscheint bei Dieter von Reeken in einer wunderbaren HC-Ausgabe, für Deketiv Nobody empfehle ich die Ausgabe (TB oder EBook) aus dem Verlag von Bernward Schneider (siehe oben) namens Benu Verlag.

A propos Karl May. Immer noch lese ich begeistert jede Woche an seinem 2.700-Mammut-Kolportage-Epos „Waldröschen oder die Rächerjagd rund um die Erde“ weiter. Dies ist im besten Sinne des Wortes Karl May pur – und ein Riesenspaß mit herrlichen Dialogen, Ideen und Figuren. Und Ecken und Kanten, die man heute nicht mehr so schreibt: Wenn der Held sich an eine dreißigköpfige Räuberbande anschleicht und belauscht, dass diese Ungutes im Schulde führen – richtet er sich auf, schreit einen Kampfruf (zur Fairness, natürlich..) und schießt dann alle 30 Räuber über den Haufen. So muss das..

Bisher hält sich leider bei dem ersten Band des neuen Projekt des Karl May Verlages, der brandneuen Abenteuer aus Karl Mays Magischer Orient (also Karl May plus etwas Fantasy) namens „Im Bann des Mächtigen“ meine Freunde in Grenzen. Wer Karl May schreibt, muss nicht wie Karl May schreiben, aber sich zumindest mal ansehen, wieso der Mayster so erfolgreich war. Das lag sicher unter anderem an seinem atemberaubenden Erzähltempo, ewige Beschreibungen und Monologe von Kara Ben Nemsi will man da nicht lesen. Dann wurden offensichtlich mit Schielen auf die Zielgruppe zwei neue Jugendlichte Helden eingeführt, die aber etwas blass rüberkommen, weil der Roman nur aus der Sicht von Kara Ben Nemsi geschrieben ist – aber trotzdem diesem häufiger aus der Patsche helfen muss. Der große Proto-Superheld Kara Ben Nemsi braucht ständig Hilfe? Und trotzdem wird das alles aus seiner Sicht erzählt? Das ist konzeptionell sicherlich nicht ideal gelöst. So lesen sich die neuen Abenteuer von Karl Mays Alter Ego, Hadschi Halef Omar, Lord David Lindsay und zwei Jugendlichen leider etwas banal und langatmig bisher.  Bin jetzt bei der Hälfte des ersten von bisher geplanten vier Bänden, hoffentlich steigert sich der Band noch.

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5 Kommentare

  1. Ich bin ja immer schwer beeindruckt, was für ein Lesepensum du bewältigst …

    «Doktor Faustus» gehört zu meinen literarischen Heiligtümern, wenige – keinen? – Romane habe ich so oft gelesen und kenne ich so gut (wurde sowohl bei meinem Abitur wie auch beim Abschluss meines Germanistikstudiums darüber geprüft), und das Ende gehört zum Ergreifendsten, was ich je gelesen habe.

    Und natürlich ist der Roman gar nicht langweilig, sondern höchst packend und, nicht zuletzt dank dem Erzähler Zeitblom (literaturwissenschaftlicher Protest: „Erzähler“, nicht „Autor“), stellenweise auch witzig. Die musiktheoretischen Passagen (die zu einem nicht unbedeutenden Teil von Adorno stammen) kann man bei Bedarf gut quer lesen, obwohl es bei näherer Beschäftigung durchaus interessant ist, wie Mann hier eine Analogie zwischen serieller Musik und Faschismus zieht (die natürlich Unsinn ist, in der Logik des Roman aber ihren Sinn hat). Riesenerfolg hat Leverkühn übrigens nicht, zumindest nicht beim Publikum …

    1. Freut mich ehrlich, dass Du hier mitliest! Ich bin inzwischen auf über Seite 100 in dem Faustus und habe mich immer noch keine Seite gelangweilt, obwohl die eigentliche „Handlung“ noch nicht mal eingesetzt hat und er sich eigentlich von einer Abschweifung zur nächsten hangelt, aber genau das gefällt mir, das ist teilweise wunderbar verschroben und ich mag das auch sprachlich einfach sehr, selbst wenn ich musiktheoretisch (da habe ich Wissenslücken) längst nicht alles verstehe.

      Ja, der „Erzähler“ entschuldigt sich für das langsame Tempo, aber den schiebt/schickt der „Autor“ ja nur vor, und das ist bei Thomas Mann natürlich insofern sehr interessant, als er zwar zu viel Humor, aber wegen seiner schon extremen Eitelkeit wohl kaum zu Selbsironie fähig war..

      1. Irgend jemand – ich weiss nicht mehr wer – hat mal sinngemäss geschrieben: Thomas Mann’sche Ironie ist, wenn man sich über eine Position lustig resp. zeigt, warum sie hochproblematisch ist, am Ende dann doch darauf beharrt. In diesem Sinne: Ironie war für Mann als stilistisches Mittel sehr wichtig – er sprach oft vom homerischen Gelächter, so eine Art göttlich distanziertem Blick auf die Dinge –, das hinderte ihn aber nicht an sehr klaren Meinungen.

        Beim «Doktor Faustus» ist der vergleichsweise humoristische Ich-Erzähler ganz bewusst gewählt. Mann war der Ansicht, dass der düstere Stoff unbedingt Aufheiterung brauchte.

  2. Zu den „Titanic“ Krimis. Der erste mit einem Schriftsteller als Detektiv – Jacques Futrelle – ausgestattete und vor allem ausgezeichnet recherchierte Roman ist Max Allan Collins „The Titanic Murders“. Es ist auch der erste Band der Desaster Serie. Wenn Du weiter vergleichen möchtest, solltest Du mit diesem Roman anfangen. Edward D. Hoch hat einige Jahre früher eine Sherlock Holmes Geschichte geschrieben, welche ebenfalls auf der „Titanic“ spielt und wie Max Allan Collins auf den Schöpfer des „Thinking Man“, dem amerikanischen Sherlock Holmes, Futrelle zurück greift, der tatsächlich mit der „Titanic“ untergegangen ist. Als Ergänzung Deines Lesepensums

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