Ich lese gerade 

Einfach mal schlaglichtartig, was mich lektüretechnisch im Moment bewegt.

Mit großem Vergnügen lese ich den neuen Roman „Crosstalk“ von Connie Willis, eine Darstellung eines modernen Kommunikationsunternehmens und insbesondere eine Studie über unsere heutige ständige Erreichbarkeit durch alle möglichen Geräte. Der Roman ist gestaltet als Comedy of Manners, die handelnden Personen sind also bewusst eindimensional gehalten und Willis zieht bei jeder Figur den eigentlich immer gleichen Gag dutzende von Malen durch. Das klingt weniger attraktiv als es ist, denn es ist eigentlich ziemlich großartig. Willis ist eine Meisterin des komödiantischen Timings und der Variation, das Vergnügen ist immens, sie dabei zu beobachten, wie sie den gleichen Gag auch in der 50. Variation noch so erzählt, dass man schmunzeln oder sogar lachen muss. Worum geht es? Die Heldin Briddey und ihr ständig beschäftigter Boy-Friend Trent unterziehen sich einer OP, nach welcher sie die Gefühle des anderen jeweils spüren müssten. Sollten. Wenn das denn richtig funktionieren würde, was es aber nicht tut. Stattdessen bekommt die Heldin telepathischen Kontakt zu einem nerdigen Arbeitskollegen und Handy-Designer, während ihre beiden Schwestern sie mit dutzenden Anrufen und Nachrichten pro Stunde bombardieren, weil die eine ständig Liebesnöte mit Männern hat und die andere als Helicopter-Mutter ihre neunjähige Tochter in den Wahnsinn treibt. Zumindest ich könnte mich über Dialoge wie „SIE HAT SICH EINGESPERRT! SIE GUCKT JETZT SICHER SNUFF-FILME AUF IHREM ZIMMER!!“ „Kathy, deine Tochter ist neun Jahre alt und ihr Lieblingsfilm ist „Frozen“, sie guckt keine Snuff-Filme“ jedes mal ausschütten vor lachen.. Dabei zieht Connie Willis in dem recht langen Roman (fast 500 Seiten) konsequent von Seite zu Seite die Hysterie-Schraube an, ich habe jetzt ein Drittel gelesen und keine Ahnung, was für ein Feuerwerk die Autorin noch abzubrennen gedenkt. Toll. 

Angefangen habe ich auch mit „Superhelden. 100 Seiten“ aus der entsprechend betitelten Reclam-Serie. Ausgerechnet (oder auch nicht) Dietmar Dath lässt sich zu dem Thema aus, und, jetzt muss ich mal Eulen nach Athen tragen: Er macht das unfassbar belesen, kenntnisreich und eloquent. Was auch sonst bei Dath? Großes Tennis, Lesen! 

Dann möchte ich noch ein Wort zu einem sehr alten Phantastik-Roman verlieren. Mit großem Vergnügen lese ich im Moment „Reise nach Polstadt“ von Friedrich Wilhelm Mader, bereits 1911 erschienen und sichtlich in der Tradition von Jules Verne, Karl May und Henry Rider Haggard stehend. Klar, wir wissen heute mehr, sind aufgeklärter und halten uns für cooler, dafür ist uns aber etwas der naive Charme dieser phantastischen Proto-Erzählungen verloren gegangen. So erzählt Mader in dem Roman von einer Erfindung, die von der Idee her so charmant ist, dass ich den Autor am liebsten umarmen möchte, wenn er noch leben würde: Ein Paläoskop. Ein Gerät, mit welchem man in die Vergangenheit schauen kann. Wie? Wir alle wissen ja, dass das Licht ferner Sterne schon einen weiten Weg hinter sich hat und deshalb eigentlich Dinge aus der Vergangenheit abbildet. Wie kann man das nun nutzen, um sich die Vergangenheit auf der Erde anzusehen? Nichts einfach als das, wie der große Erfinder dieses Romans uns erzählt: Man baut einfach ein extrem leistungsfähiges Weltraumteleskop, und da Lichtwellen ja immer und unendlich wandern, muss man sich einfach nur zu Nutze machen, dass auf sehr vielen Planeten große Flächen, insbesondere Meeresflächen existieren, die das Licht reflektieren. Jetzt muss man sich nur noch einen Planeten aussuchen, der exakt so weit entfernt liegt (kein Problem – bei der Riesenauswahl im All!), dass die Entfernung des zurück gelegten Weges des Lichtes für Hin- und Rückweg zu der Zeit passt, die man in der Vergangenheit der Erde sich betrachten möchte – und fertig. Natürlich muss man dieses Teleskop mit Rädchen versehen, die eine Feinjustierung des Blinkwinkels im unzähligen Bruchteil eines Millimeters ermöglichen – und fertig. Na, hat das Charme oder nicht? Im Synergen-Verlag sind vier Bände von Friedrich Wilhelm Mader Anfang September erschienen, zum 100. Todestag des Autors. Sehr liebevoll editiert – unbedingt mal ansehen! Hier geht es zur Mader-Seite des Verlages: 

http://www.synergenverlag.de/fr-wilhelm-mader.html

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