Gesehen: Opfergang

Melodram von Veit Harlan, DTL 1944, 97 Min (Academy-Format 1,37:1), Agfacolor

Mit Kristina Söderbaum, Irene von Meyendorff, Carl Raddatz u.a. 

Sich Veit Harlan anders als mit spitzen Fingern zu nähern, fällt bei dem „Nazi-Regisseur“ schlechthin, dessen berühmteste Werke „Jud Süß“ und „Kolberg“ die hässliche Fratze des 3. Reiches indirekt ziemlich ungefiltert auf Film bannten, gar nicht so leicht, gleichwohl hat sein in den letzten Kriegsmonaten Ende 1944 in die Kinos gekommene Melodram „Opfergang“ durchaus seine Fans, interessanter Weise gerade auch bei dezidiert progressiven und linken Filmemachern, dazu später.

An der Oberfläche ist „Opfergang“ nur eine konventionelle Dreiecksgeschichte: Aufgeweckter Bürgersohn (Carl Raddatz) findet seine lebenshungrige, aber totkranke Nachbarin Aels (Kristina Söderbaum) deutlich interessanter als die ihm zugedachte hübsche, duldsame, aber langweilige und steife Partie Ocatvia (Irene von Meyendorff).

Was den Film so interessant und sehenswert macht ist, dass Harlan hier unter Goebbels Augen seinem Affen Zucker geben und einen in Inhalt und Form bemerkenswert delirierenden, düsteren, unheilsdurstigen, morbiden, ja, todessehnsüchtigen Film abliefern durfte. Die handelnden Personen werden gerade nicht in ein, wie man es zur Entstehungszeit erwarten könnte, moralisches Koordinatensystem eingepresst und dürfen teilweise bemerkenswert seltsame, unheilschwangere Dinge sagen („Wir lieben uns, mein Freund, und es wird schlimm werden“) und nicht so handeln, wie man es von ihnen erwarten könnte.

An den schön komponierten, in wunderbarer Agfacolor-Farbdramaturgie gestalteten Bildern des Films kann man sich kaum satt sehen. Wenn die damals als „Reichswasserleiche“ (vielleicht eines der schönsten Worte deutscher Zunge – sie starb in mehreren ihrer Filme einen Tod im Wasser)) titulierte Kristina Söderbaum in weißem, knappen Dress den Strand auf- und abreiten und dabei Bogen schießen darf, kann man eine erotischen Spannung kaum verleugnen. Wenn dann im Finale Veit Harlan sich hemmungslosem Schwulst und einem Farben- und Überblendungsrausch sondergleichen hingeben darf, getragen von grandiosen Chorälen von Hans-Otto Borgmann und den Bildern von Bruno Mundi, ist das sogar ein großer Kinomoment. Und wir sind voll an Bord, weil die Figuren entsprechend interessant gezeichnet und gespielt werden. Mithin: Sehr sehenswerter Film, insbesondere in der neuen Restaurierung durch die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung. Tatsächlich mal ein Veit Harlan-Film, den man uneingeschränkt feiern darf.

Ein absurder Witz könnte so gehen: Niemand geringerer als Christoph Schlingensief hätte ja mal ein Remake des Films drehen können, am besten mit Helge Schneider in der Hauptrolle. Nur, dass dies kein Witz ist: Mutters Maske, 1988. Muss ich dringend als nächstes sehen. Genauso wie „Immensee“, einen damals zeitgleich zu „Opfergang“ entstandenen Harlan-Film mit praktisch gleicher Besetzung und Crew. Nur, dass man das Wort Crew früher nicht hätte verwenden dürfen.

Punkte: 9/10
Hier ein recht prägnanter Trailer des Films, der den Bilderrausch erahnen lässt:

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