Gesehen: Hell’s Angels

(dt. auch Höllenflieger),
Howard Hughes/James Whale u.a., USA 1930, 122 Min (DVD-PAL), Bildformat: 1,34:1 Academy Ratio, s/w mit einer Farbsequenz, Tonfilm mit Texttafeln
Mit Ben Lyon, James Hall, Jean Harlow, John Darrow u.a.

In einer Filmepoche, die viele Zwitter gebar, ist Howard Hughes „Hell’s Angels“ ein Zwitter der ganz besonderen Art. Ein zum Tonfilm umgestrickter Stummfilm mit gelegentlichen Texttafeln (bei Übersetzungen und Beschreibungen), ein Schwarzweiss-Film mit einer Farbsequenz, ein schrecklich statischer, geschwätziger Film mit noch heute atemberaubenden Action-Szenen und anderes mehr.

Dieses Projekt von Ausnahmeunternehmer Howard Hughes (der die Flug- und Filmindustrie der USA im 20. Jahrhundert entscheidend prägte, bereits sein filmisches Denkmal in Scorseses „Aviator“ (2004) bekam und auch in der Popkultur angekommen ist als exzentrischer Milliardär bei James Bond (in Diamantenfieber) und Comic-Superheld (Tony Stark/Iron Man ist nach ihm modelliert)) war über drei Jahre in der Mache und schon deswegen so teuer, weil es, wie häufig zu jener Zeit, vom Stummfilm zum Tonfilm umgestaltet wurde.

Erzählt wird eine Dreiecks-, ja, eigentlich Vierecksgeschichte zwischen zwei englischen Brüdern bei der Royal Air Force, einem deutschen Luftwaffe-Soldaten namens Karl und eine Liebesgeschichte zu einem Mädchen (Jean Harlow, die trotzdem erst an dritter Stelle in den Credits genannt wird).
Wir wollen ehrlich bleiben: Die Dialogszenen in diesem Film, von denen es reichlich gibt, sind, wie häufig bei Produktionen aus dieser Zeit, schlicht und einfach eine Qual. Noch beeindruckt davon, dass die Menschen auf der Leinwand überhaupt reden konnten und gestraft und geschlagen mit extrem schwierig zu handhabendem, voluminösem und schwerem Kamera-Equipment, meint man, dass es überhaupt keine Rolle spielte, diese Szenen ansprechend und interessant zu gestalten, Hauptsache, die reden auf der Leinwand. Man braucht schon eiserne Disziplin um hier nicht nach der Vorspultaste zu langen, zumal die darstellerischen Leistungen zu wünschen übrig lassen. Wenn das als Warnung nicht reicht: Selbst zeitgenössische Kritiken störten sich damals schon daran, dass diese Szenen lahm und statisch daher kommen, dass ist über den Abgrund der Zeit von inzwischen fast 90 Jahren nicht gerade besser geworden.

Dafür ist der Film wegen seiner zwei großen Action-Szenen noch heute sehenswert. Im Mittelteil des Films fliegt die deutsche Luftwaffe einen Zeppelin-Angriff auf London. Diese Szenen sind mit ihrem herrlich komplizierten Gestänge ein feuchter Steampunk-Traum, majestätisch gestaltet, aufregend und in der Detailversessenheit der Bomben-Apparaturen offensichtlich ein Vorbild für Kubricks „Dr. Strangelove“ (1963/64) gewesen. Diese viragierten Szenen können noch heute voll überzeugen und sind mehr als eindrücklich.
Ebenfalls noch sehr sehenswert ist das Luftkampffinale. Angesichts des Produktionsjahres und der vielen statischen Szenen drumherum reibt man sich hier die Augen, wie modern und spektakulär dieses Finale gestaltet ist. Nicht nur eine entfesselte, hochagile Kamera erfreut das Auge, auch eine erstaunlich moderne, schnelle und intensive Montage hebt den Film weit ab von Konkurrenzprodukten aus jener Zeit.

Insofern ist es mehr als begrüßenswert, dass dem Film eine umfangreiche Restauration wiederfuhr und er somit vor dem Vergessen gerettet wurde. Durchhalten bei den statischen Dialogen, das Finale entschädigt da spielend für. Und die Zeppelin-Sequenz macht den Film unvergesslich.

Punkte: 8/10

Hier ein Trailer:

Zweiter Film meiner kurzen Reihe mit frühen WWI-Doppeldeckerdramen. Es folgt noch Howard Hawks‘ „The Dawn Patrol (1930)“ mit Douglas Fairbanks, jr., sowie dessen Remake mit Errol Flynn aus dem Jahr 1938.

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