Gelesen: Stranger than Fiction: The Life of Edgar Wallace, the Man Who Created King Kong, von Neil Clark

Kindle Edition, History Press 2014, 256 Seiten

Auch wenn es leider ein Zeugnis dafür ist, dass der Autor wirklich in Vergessenheit geraten ist, gehört es schon zu den Grundverdiensten dieser Biographie über den Auor Edgar Wallace aus dem Jahr 2014, dass sie die erste(!) seit dem Zweiten Weltkrieg ist und die erste überhaupt, die von einem Autoren stammt, der nicht dem direkten Umfeld von Edgar Wallace zuzuordnen sind, die einzigen bisherigen (auto)biographische Schriften stammen von Edgar Wallace selbst (1926), seiner Ehefrau (1932, sein Todesjahr), seinem Sekretär Robert Curtis (ebenfalls 1932) und von Margaret Lane (1938, Revision 1965), seiner Schwiegertochter und Ehefrau von Bryan Edgar Wallace.
Dabei ist die Lektüre dieser Biographie ein hochspannender Hochgenuss, wie ihn Edgar Wallace selbst nicht spannender hätte auf die Seiten bringen können, einfach, weil Edgar Wallace so ein hochinteressantes, fast märchenhaftes, jedenfalls überlebensgroßes Leben geführt hat. Geboren als unehelicher Sohn durch den One Night Stand einer Wanderschauspielerin in Armut, später Soldat und Kriegsreporter, gelang es ihm durch unerschütterlichen Optimismus und jahrzehntelangem Arbeiten fast rund um die Uhr, einer der meistgelesenen Autoren Englands zu werden, aber nicht nur das, er war auch gefeierter und höchst erfolgreicher Dramaturg, einer der meist gelesenen und fleißigsten Journalisten und Kolumnisten Englands, sowie Rennpferdbesitzer und reüssierte auch erfolgreich beim Film als Drehbuchautor und Regisseur – und schuf, worauf diese Biographie etwas arg viel im Titel abhebt, eine der bekanntesten und eindrücklichsten Szenen und Filmbilder der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts: Er, Edgar Wallace, war es, der den Riesenaffen King Kong das Empire State Building hinauf schickte. Das Leben von Edgar Wallace war von krassen Gegensätzen geprägt, schwere Schicksalsschläge, höchstes Glück, märchenhafter Erfolg, manische Arbeitswut, unglaubliche Produktivität, unendliche Großzügigkeit und Freundlichkeit gegenüber jedem, aber auch grenzenlose Verschwendungssucht, so dass er seinen Kindern sogar immens hohe Schulden hinterließ, obwohl er unzählige Millionen verdient hatte – und diese Schulden dann zwei Jahre nach seinem Tod bereits von den Tantiemen seiner Bücher zurück geführt werden konnten.
Gerade für deutsche Leser ist dieses Buch hochspannend, denn Wallace hatte fast immer eine sehr gute Beziehung zu Deutschland und auch riesigen Erfolg hier, und vor allem ist die Perspektivenkorrektur auf den Autoren Wallace selbst hin für Deutsche Leser sehr heilsam, die diesen Autor fast nur im Lichte der Rialto-Kinofilmserie (1959-1972) in der Regel wahr nehmen, die mit seinem Werk nicht immer viel zu tun hatte.
Der Autor dieses sorgfältig recherchierten und gut geschriebenen Buches, ein britischer Journalist namens Neil Clark (nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen SF-Herausgeber Neil Clarke), wünscht sich, dass durch diesen Band wieder das Interesse an Edgar Wallace geweckt wird. Schön wäre es, zumal durch diverse EBook-Sammlungen der Zugriff auf das Gesamtwerk von Edgar Wallace (fast 130 Romane und ca. 40 Kurzgeschichtensammlungen, neben abertausenden von Artikeln und Kolumnen) heute so leicht ist wie nie zuvor.
Für mich war das Buch eine grandiose, atemberaubende Lektüre, die mich teilweise gedanklich nicht losließ angesichts eines so märchenhaften Lebens zwischen Rolls Royce und Pferderennbahn, während neue Romane teilweise an einem Wochenende unter Zurhilfenahme von 80 Zigaretten und 30-40 Tassen gesüßten Tee täglich, und ohne Schlaf entstanden, den weltberühmt und zur Ikone gewordenen, ewig langen Zigarettenhalter immer im Mund..

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Ein Kommentar

  1. „… der nicht dem direkten Umfeld von Edgar Wallace zuzuordnen sind, …“

    Nicht zu vergessen: Edgar Wallace sein Nachbar. 🙂

    Die deutschen Verfilmungen habe ich als Kind ja geliebt, und hatte auch Bücher von ihm, im Regal stehen. Weiß nur nicht mehr, welche.

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