Gelesen: Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas

1108 Seiten, Oxford World Classics, Erstausgabe erschienen 1844-46
In der ungekürzten Fassung füllt dieses Mammut-Werk je nach Ausgabe zwischen 1.100 und 1.500 Seiten. Wenn man von einem Roman mit solchem Umfang sagen kann, dass nicht eine Seite zu viel enthalten ist und der Roman gerne noch länger sein könnte, kann man dann noch ein größeres Kompliment aussprechen? Ja, eines: Der Graf von Monte Christo zählt jetzt nach Lektüre zu den schönsten Leseerlebnissen meines Lebens, jeden Tag der zwei Monate, die ich für den Roman gebraucht habe, habe ich es über alle Maßen genossen, mich rettungslos in der Welt von Dumas‘ lustvoll ausuferndem Roman zu verlieren.
1815: Der junge Edmond Dantès scheint ein glückliches Leben vor sich zu haben. Ein Kapitäns-Patent winkt, sowie die Hochzeit mit der wunderschönen Mercédès. Doch stattdessen wird er durch eine Intrige von drei Neidern für mehr als zehn Jahre ins Gefängnis geworfen. Während dieser langjährigen Festungshaft lernt er als Zellennachbarn einen Abt kennen, der ihm sein enormes Wissen in allen Belangen zuteil werden lässt, sowie nach seinem Tod und Dantès Flucht aus der Haft ein nahezu unerschöpfliches Vermögen in Form eines Schatzes auf dem kleinen Eiland Monte Christo. Als unendlich reicher und mächtiger Graf von Monte Christo taucht Dantès in die Oberschicht von Paris ein und setzt einen bis ins Kleinste ausgeklügelten Racheplan ins Werk, denn auch alle seine Neider und Peiniger haben es bis in die höchsten Kreise der französischen Hauptstadt geschafft. Mit gnadenloser Entschlossenheit führt der Graf von Monte Christo seinen Rachefeldzug durch – um irgendwann festzustellen, dass man mit Rache auch zu weit gehen kann..

Was macht den Roman zu so einer einmaldigen Lektüre? Auch wenn die dort beschriebene Welt des vor 170 Jahren erschienenen Romans heute nicht mehr existiert, haben uns deren Figuren, häufig Archetypen, noch viel zu sagen. Dumas‘ Figuren leben mit einer großen Intensität, jede Szene lebt mit großer Intensität, so dass man eigentlich auf jeder einzelnen Seite gefesselt ist. Dabei kann man die große Komplexität des Werkes nur bewundern (die durchaus Raum für philosophische Betrachtungen lässt und heraus fordert – den Roman als Abenteuerroman für Jugendliche zu verkürzen, wie häufig geschehen, greift kriminell zu kurz), insbesondere, wenn man die Produktionsbedingungen von damals kennt, als es auf Teufel komm raus darauf ankam, so viele Seiten zu produzieren wie möglich – und sich dann trotzdem keine einzige Seite wie Ausschuss liest. Realismus und Glaubwürdigkeit waren für Dumas dabei zweitrangig, dafür sind viele Figuren und Szenen zu überlebensgroß, viele Zusammenhänge zu einmalig. Größte Stärke seines Romans ist tatsächlich seine epische Breite: Jeder einzelne Schlenker des Romans, ob unter erzählökonomischen Gesichtspunkten nun nötig oder nicht (häufig: nicht) liest sich vergnüglich und fesselnd und wenn man dann so viel Zeit mit dem Leben, Lieben und Leiden dieser Figuren verbracht hat, ist die Wucht des fast 200seitigen Finals dann enorm, dann wenn Dumas die erzählerische Ernte dessen einfährt, was er vorher mit unendlicher Geduld gesät hat. Die Figur und den Roman des Grafen von Monte Christo vergisst wohl niemand, der dieses Buch einmal zur Hand genommen hat.

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