Monat: März 2016

Gelesen: Stranger than Fiction: The Life of Edgar Wallace, the Man Who Created King Kong, von Neil Clark

Kindle Edition, History Press 2014, 256 Seiten

Auch wenn es leider ein Zeugnis dafür ist, dass der Autor wirklich in Vergessenheit geraten ist, gehört es schon zu den Grundverdiensten dieser Biographie über den Auor Edgar Wallace aus dem Jahr 2014, dass sie die erste(!) seit dem Zweiten Weltkrieg ist und die erste überhaupt, die von einem Autoren stammt, der nicht dem direkten Umfeld von Edgar Wallace zuzuordnen sind, die einzigen bisherigen (auto)biographische Schriften stammen von Edgar Wallace selbst (1926), seiner Ehefrau (1932, sein Todesjahr), seinem Sekretär Robert Curtis (ebenfalls 1932) und von Margaret Lane (1938, Revision 1965), seiner Schwiegertochter und Ehefrau von Bryan Edgar Wallace.
Dabei ist die Lektüre dieser Biographie ein hochspannender Hochgenuss, wie ihn Edgar Wallace selbst nicht spannender hätte auf die Seiten bringen können, einfach, weil Edgar Wallace so ein hochinteressantes, fast märchenhaftes, jedenfalls überlebensgroßes Leben geführt hat. Geboren als unehelicher Sohn durch den One Night Stand einer Wanderschauspielerin in Armut, später Soldat und Kriegsreporter, gelang es ihm durch unerschütterlichen Optimismus und jahrzehntelangem Arbeiten fast rund um die Uhr, einer der meistgelesenen Autoren Englands zu werden, aber nicht nur das, er war auch gefeierter und höchst erfolgreicher Dramaturg, einer der meist gelesenen und fleißigsten Journalisten und Kolumnisten Englands, sowie Rennpferdbesitzer und reüssierte auch erfolgreich beim Film als Drehbuchautor und Regisseur – und schuf, worauf diese Biographie etwas arg viel im Titel abhebt, eine der bekanntesten und eindrücklichsten Szenen und Filmbilder der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts: Er, Edgar Wallace, war es, der den Riesenaffen King Kong das Empire State Building hinauf schickte. Das Leben von Edgar Wallace war von krassen Gegensätzen geprägt, schwere Schicksalsschläge, höchstes Glück, märchenhafter Erfolg, manische Arbeitswut, unglaubliche Produktivität, unendliche Großzügigkeit und Freundlichkeit gegenüber jedem, aber auch grenzenlose Verschwendungssucht, so dass er seinen Kindern sogar immens hohe Schulden hinterließ, obwohl er unzählige Millionen verdient hatte – und diese Schulden dann zwei Jahre nach seinem Tod bereits von den Tantiemen seiner Bücher zurück geführt werden konnten.
Gerade für deutsche Leser ist dieses Buch hochspannend, denn Wallace hatte fast immer eine sehr gute Beziehung zu Deutschland und auch riesigen Erfolg hier, und vor allem ist die Perspektivenkorrektur auf den Autoren Wallace selbst hin für Deutsche Leser sehr heilsam, die diesen Autor fast nur im Lichte der Rialto-Kinofilmserie (1959-1972) in der Regel wahr nehmen, die mit seinem Werk nicht immer viel zu tun hatte.
Der Autor dieses sorgfältig recherchierten und gut geschriebenen Buches, ein britischer Journalist namens Neil Clark (nicht zu verwechseln mit dem amerikanischen SF-Herausgeber Neil Clarke), wünscht sich, dass durch diesen Band wieder das Interesse an Edgar Wallace geweckt wird. Schön wäre es, zumal durch diverse EBook-Sammlungen der Zugriff auf das Gesamtwerk von Edgar Wallace (fast 130 Romane und ca. 40 Kurzgeschichtensammlungen, neben abertausenden von Artikeln und Kolumnen) heute so leicht ist wie nie zuvor.
Für mich war das Buch eine grandiose, atemberaubende Lektüre, die mich teilweise gedanklich nicht losließ angesichts eines so märchenhaften Lebens zwischen Rolls Royce und Pferderennbahn, während neue Romane teilweise an einem Wochenende unter Zurhilfenahme von 80 Zigaretten und 30-40 Tassen gesüßten Tee täglich, und ohne Schlaf entstanden, den weltberühmt und zur Ikone gewordenen, ewig langen Zigarettenhalter immer im Mund..

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Gelesen: Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas

1108 Seiten, Oxford World Classics, Erstausgabe erschienen 1844-46
In der ungekürzten Fassung füllt dieses Mammut-Werk je nach Ausgabe zwischen 1.100 und 1.500 Seiten. Wenn man von einem Roman mit solchem Umfang sagen kann, dass nicht eine Seite zu viel enthalten ist und der Roman gerne noch länger sein könnte, kann man dann noch ein größeres Kompliment aussprechen? Ja, eines: Der Graf von Monte Christo zählt jetzt nach Lektüre zu den schönsten Leseerlebnissen meines Lebens, jeden Tag der zwei Monate, die ich für den Roman gebraucht habe, habe ich es über alle Maßen genossen, mich rettungslos in der Welt von Dumas‘ lustvoll ausuferndem Roman zu verlieren.
1815: Der junge Edmond Dantès scheint ein glückliches Leben vor sich zu haben. Ein Kapitäns-Patent winkt, sowie die Hochzeit mit der wunderschönen Mercédès. Doch stattdessen wird er durch eine Intrige von drei Neidern für mehr als zehn Jahre ins Gefängnis geworfen. Während dieser langjährigen Festungshaft lernt er als Zellennachbarn einen Abt kennen, der ihm sein enormes Wissen in allen Belangen zuteil werden lässt, sowie nach seinem Tod und Dantès Flucht aus der Haft ein nahezu unerschöpfliches Vermögen in Form eines Schatzes auf dem kleinen Eiland Monte Christo. Als unendlich reicher und mächtiger Graf von Monte Christo taucht Dantès in die Oberschicht von Paris ein und setzt einen bis ins Kleinste ausgeklügelten Racheplan ins Werk, denn auch alle seine Neider und Peiniger haben es bis in die höchsten Kreise der französischen Hauptstadt geschafft. Mit gnadenloser Entschlossenheit führt der Graf von Monte Christo seinen Rachefeldzug durch – um irgendwann festzustellen, dass man mit Rache auch zu weit gehen kann..

Was macht den Roman zu so einer einmaldigen Lektüre? Auch wenn die dort beschriebene Welt des vor 170 Jahren erschienenen Romans heute nicht mehr existiert, haben uns deren Figuren, häufig Archetypen, noch viel zu sagen. Dumas‘ Figuren leben mit einer großen Intensität, jede Szene lebt mit großer Intensität, so dass man eigentlich auf jeder einzelnen Seite gefesselt ist. Dabei kann man die große Komplexität des Werkes nur bewundern (die durchaus Raum für philosophische Betrachtungen lässt und heraus fordert – den Roman als Abenteuerroman für Jugendliche zu verkürzen, wie häufig geschehen, greift kriminell zu kurz), insbesondere, wenn man die Produktionsbedingungen von damals kennt, als es auf Teufel komm raus darauf ankam, so viele Seiten zu produzieren wie möglich – und sich dann trotzdem keine einzige Seite wie Ausschuss liest. Realismus und Glaubwürdigkeit waren für Dumas dabei zweitrangig, dafür sind viele Figuren und Szenen zu überlebensgroß, viele Zusammenhänge zu einmalig. Größte Stärke seines Romans ist tatsächlich seine epische Breite: Jeder einzelne Schlenker des Romans, ob unter erzählökonomischen Gesichtspunkten nun nötig oder nicht (häufig: nicht) liest sich vergnüglich und fesselnd und wenn man dann so viel Zeit mit dem Leben, Lieben und Leiden dieser Figuren verbracht hat, ist die Wucht des fast 200seitigen Finals dann enorm, dann wenn Dumas die erzählerische Ernte dessen einfährt, was er vorher mit unendlicher Geduld gesät hat. Die Figur und den Roman des Grafen von Monte Christo vergisst wohl niemand, der dieses Buch einmal zur Hand genommen hat.