Monat: Januar 2016

Was lese ich im Moment so? (Neues von meinem Nachttisch)

Als Gegenmittel gegen einen kürzlich fürchterlich generischen Genre-Roman habe ich mir jetzt mal wieder drei Klassiker auf den Nachttisch gelegt. Mit dem ersten werde ich länger beschäftigt sein, denn Alexandre Dumas‘ „Der Graf von Monte Cristo“ (ohne ‚h‘ bitte, dat is‘ ne Insel, kein Christ!) weist in meiner Ausgabe (die von David Coward wunderbar editierte Oxford-Edition) 1109 Seiten auf. Den Stoff habe ich von einigen Verfilmungen, die ich mal vor 100 Jahren gesehen habe, nur noch vage in Erinnerung. Ich bin kurz vor Seite 200 und ausgesprochen angetan, ja fast begeistert. Das ist ein richtiger, saftiger Vollblut-Abenteuerstoff mit Intrigen, Gefängnisausbrüchen, Seeabenteuern und vor allem einem furchtbar sympathischen Helden (herrlich unironisch-ungebrochen aufrecht); ein Roman, der mir bisher einen Riesen-Spaß macht und wo ich jetzt schon Riesen-Lust drauf habe, mir danach diverse Verfilmungen von (von 1912-2002) zu gönnen, mois.
Als Sachbuch lese ich im Moment Tilmann Lahmes Chronik „Die Manns. Geschichte einer Familie“. Ein ausgesprochen unterhaltsames Werk, weil Lahme sich abseits der unzähligen anderen Biographien vor allem auf die Beziehung der Eltern zu den sechs Kindern beschränkt und man nur staunen kann, was diese Racker alles so angestellt haben zwischen Geld verprassen, Ausbildungen abbrechen, Heroin spritzen, diversen Männer- und Frauengeschichten, Geige üben, selbst Texte verfassen, Nazis per Zeitschriften bekämpfen, und sich natürlich vor allem an dem ‚Zauberer‘ reiben – an Übervater Thomas Mann. Das Buch will keine vollständige Chronik sein und setzt Anfang der Zwanziger (nach den „Betrachtungen..“ und kurz vor dem „Zauberberg“) ein und schildert insbesondere ausführlich die Zeit im Exil. Hochinteressant. Selbst wenn man über die Manns schon viel gelesen hat. Einmal wurde ich sogar blass vor Neid: Erika und Klaus Mann hatten eine Einladung von Murnau persönlich, „Sunrise“ in der Premiere zu sehen. Mein Lieblingsfilm. Hätte ich doch bloß eine Zeitmaschine..
Ferner lese ich immer noch so viele Genre-Kurzgeschichtenmagazine, wie ich irgendwie kann, wobei ich jeder Kurzgeschichte nur fünf Seiten eine Chance gebe, dann wird weiter geblättert, wenn ichn nicht gefesselt bin. Wo ich hängen bleibe – das sind dann die wirklichen Belohnungen. Heraus schält sich, dass ich insbesondere das SF- und Fantasy-Magazin Clarkesworld schätzen gelernt habe, welches immer wieder tolle Geschichten und Erst-Übersetzungen bringt. Aber auch in vielen anderen Magazinen finde ich interessante Artikel und Geschichten, und da man pro (Kindle-)Ausgabe auch nur mit 2-3 Euro dabei ist, unterstütze ich das sehr gerne, selbst wenn ich mal viel blättere. Blättern? Selbst Menschen, die Geld dafür bekommen, den ganzen Tag nur Kurzgeschichten zu lesen (Antho-Herausgeber) kommen da sonst bei dem Ausstoß nicht hinterher. Es gibt im Moment nach meiner Zählung um die 60-70 angloamerikanische mehr oder weniger häufig im Jahr erscheinende Genre-Zeitschriften. Das kann niemand schaffen.
Mit meinem Sohn lese ich im Moment einen weiteren Band von „Die drei ??? Kids“. Bin aber erneut etwas unglücklich. Die Bücher erzählen häufig Geschichten, in welchen das Fingerhakeln von Wirtschaftsunternehmen im Hintergrund steht (genau, das Kerninteresse von Sechsjährigen) und es wird immer wieder mit Nachdruck betont, dass sämtliche unheimlichen Episoden natürlich irdischen Ursprungs sind. Ein Weltbild, das ich als Phantastik-Fan betrüblich finde und auch mein Sohn findet das immer enttäuschend – auch wenn es dann doch bitte nicht zuu gruselig sein darf. Vielleicht mal die Serie wechseln.
Im Comic-Bereich lese ich im Moment schon zum 4. oder 5. Mal Frank Millers „The Dark Knight Returns“. Um vorbereitet zu sein, auf den gerade erscheinenden dritten Band der Saga (zwei Ausgaben sind raus) und um endlich mal die zweiteilige Verfilmung mir zu Gemüte führen zu können. Sowie Alejandro Jodorowskys wunderbaren „Megalex“-Dreiteiler, der toll gezeichnet und erzählt ist. Im Manga-Bereich habe ich die Komplett-Lektüre von „Death Note“ mal für zwei ganz aktuelle „Attack on Titan“-Bände unterbrochen, die Titanen fangen aber an, mir auf den Geist zu gehen: Die offensichtlich nur der Streckung dienende politische Intrigengeschichte langweilt und das ewig gleiche Titanengrinsendaufdieomme kann mich auch nicht mehr so flashen.
Reicht erstmal vom Nachttisch? Ja. Ich gehe zurück ins Funkstudio.

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