Monat: August 2015

Rezension: ‚Ready Player One‘ von Ernest Cline

Ready Player OneReady Player One by Ernest Cline
My rating: 5 of 5 stars

Höchst liebevolle Hommage an die Popkultur der 80er im Gewand einer futuristischen Dystopie: In den 2040ern lebt ein Großteil der Menschheit in Armut, der andere Teil loggt sich regelmäßig in eine virtuelle Spielewelt namens „Oasis“ ein. Da der soeben gestorbene Schöpfer dieser Welt für den Fall seines Ablebens sein Zig-Milliardenvermögen ausgelobt hat für denjenigen, der eine Queste in dieser virtuellen Welt löst und dieser Schöpfer in den 80ern (die 70er spielen auch noch mit rein) aufgewachsen ist, sorgt er dafür, dass sich in den 2040ern wieder Millionen Menschen mit den 1980er Jahren beschäftigen (<- clevere Idee des Autors) und sich für diese begeistern.
Objektiv und nüchtern betrachtet sind Teile dieses Romans nur bedingt gelungen, so soll der gerade zwei Jahrzehnte alte Held die Popkultur der 80er so perfekt aufgesogen haben, alle Computerspiele durchgespielt, alle wichtigen Filme auswendig gelernt, komplette Discographie aller wichtigen Bands am Start, dass er sämtliche schwierigen Aufgaben der Queste gut meistern kann. Oh bitte, das hätte so nicht mal jemand geschafft, der in den 80ern gelebt und nichts anderes getan hätte, hier wedelt der Autor etwas arg mit der Hand. Ferner greift der Autor in die tiefste Klischeekiste, die man sich vorstellen kann, ist nicht drei Jahrzehnte nach „Neuromancer“ mal irgendwann gut mit der Story ‚Gute Hacker vs. Böse Corporations‘? Schließlich hätte der Autor gerne vieles noch anschaulicher beschreiben können.
Aber hier geht es nicht um Objektivität, denn der Roman soll ja vor allem eine Geek-Hommage sein, und da brilliert er richtig; die Liebe, die auf jeder Seite spürbar ist, gibt man als Leser gerne zurück. Wenn der Verfasser dieser Zeilen an die Popkultur der 80er zurück denkt, fällt ihm tatsächlich mit als Erstes der Spielfilm „WarGames“ und Infocom-Adventures ein, weil er so aufgewachsen ist. Ein Roman, in welchem der Held „WarGames“ als Matthew Broderick virtuell durchspielen muss und leibhaftig durch die (nachgebaute) Welt von „Zork I“ stapft wird da von dem Rezensenten fast wie ein persönliches Geburtstagsgeschenk empfunden. Insofern ist der Roman ein süchtig machender, riesiger Spaß und mit das schönste, was der Verfasser dieser Zeilen seit langem gelesen hat – eigentlich seit der Extraleben-Trilogie von Constantin Gillies. Ist ein Vergleich der beiden Autoren angemessen? Durchaus, denn die Zielgruppe ist exakt die gleiche und es hat ja nichts mit den Romanen selbst, sondern eher mit der Herkunft der Autoren zu tun, dass das Werk des einen voraussichtlich von Steven Spielberg höchstselbst verfilmt wird und das den anderen nicht. Im direkten Vergleich schneiden für mich die Gillies-Bücher sogar noch etwas besser ab (das hat nix mit Lokalpatriotismus zu tun), weil sie die Geek-Glückseligkeit noch ungefilterter und nicht behindert durch so viel plotzentriertheit rüberbringen und Gillies gerade im ersten Roman „Extraleben“ dem Leser angenehm deutlich mit einem Augenzwinkern signalisiert, dass die dort veranstaltete Schnitzeljagd (kleine Parallele zu dem Cline-Roman) wirklich nur ein Aufhänger sein soll. Bei beiden Autoren bleibt die spannende Frage: Wenn man nicht in den 80ern aufgewachsen ist, kann man die Romane dann trotzdem lesen, ohne höchst drastische Vergnügenseinbußen?
Wegen vieler Glücksmomente als Leser ziehe ich aber hier bei Ernest Cline trotz der genannten Kritikpunkte gerne die Höchstpunktzahl, so viel Vergnügen hatte ich lange nicht mit einem Roman. Und sofort nach Ende unmittelbar mit dem neuen Cline-Roman „Armada“ angefangen.

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