Monat: November 2014

Gesehen: Drei frühe Filme von Lucio Fulci

Django – Sein Gesangbuch war der Colt
(Tempo Di Massacro / Massacre Time)
Italo-Western von Lucio Fulci, Italien 1966, 89 Minuten
Als Tom Corbett (Frano Nero) in seine Heimatstatt zurück kehrt, muss er feststellen, dass diese fest in den Händen des Viehbarons Scott und dessen sadistischen Sohns ist.
Die Handlung ist völlig von der Stange, trotzdem ist dies ein weit überdurchschnittlicher Italo-Western. Nicht nur, dass Nino Castelnuovo einen denkwürdig sadistischen Bösewicht mit ödipalem Vater-Komplex abgibt, auch der zum Standard-Reportoire gehörende, an Neros Seite gestellte George Hilton in einer Dean Martin-Säuferrolle unterhält, verstärkt durch die in diesem Fall angenehm sprücheklopfende Synchronisation, enorm. Der erhöhte Brutalitätsgrad bewegt sich im damals üblichen, wer also den Film als Frühwerk des späteren Splatter-Maestros betrachtet, wird wohl seinen Blutdurst nicht gestillt bekommen. Dafür überzeugt der Film mit sehr routinierter Regie, wendiger Kamera und vor allem einem Finale, welches ausgesprochen spritzige, einfallsreiche Shootouts bietet, die noch heute bestehen können. Unter den hunderten Italo-Western muss man sich die Perlen wirklich herauspicken, dies ist eine. Nicht die größte, kein „Keoma“, aber schon eine ordentliche Perle.
Punkte: 8/10

Die Abenteuer des Kardinal Braun
(Operazione San Pietro)
Gauner-Klamotte von Lucio Fulci, Italien 1967, 91 Minuten
Seit sie die Herrschaft über den Planeten Erde angetreten hat, hat die Menschheit in Form des Homo Sapiens Sapiens schon unendlich viele schöne Dinge geschaffen, aber auch schon erdrückend viel entsetzliche und hässliche Dinge. Zu den entsetzlichsten und hässlichsten Errungenschaften des Menschengeschlechts zählt sicherlich die Filmklamotte italienischer Provenienz. Dies hier ist eine und für deutsche Zuschauer somit eine Mogelpackung: Mit den beiden Pater Braun-Krimis von Anfang der 60er hat dieser Film gar nichts zu tun, der deutsche Titel ist irreführend: Heinz Rühmann spielt diesmal als Kardinal im Vatikan nur eine Nebenrolle, dies ist in Wirklichkeit eine Gaunerklamotte schlimmster Prägung mit Lando Buzzanca, Jean-Claude Brialy und jemandem, der aussieht wie Film Noir-Ikone Edward G. Robinson, der sich in diesen Film verirrt hat (mal nachlesen, oh, nein, das ist wirklich Robinson!). Muss man mehr sagen, als dass der „gelungenste Gag“ ist, dass tunnelgrabende Bankräuber sich in einer Gefängniszelle ausgraben? Wer darüber lachen kann, ist ein schöner Beweis dafür, dass die Evolution auch gnädig sein kann. Gnade hat dieser unerträgliche Film aber wirklich nicht verdient, der durchaus routiniert einen Fremdschäm-„Gag“ nach dem andern ins Gesicht des Zuschauers drückt und nur hartgesottenste Zuschauer nicht den Verstand verlieren lässt. Ob Italiener das anders sehen?
Punkte: 2/10

Nackt über Leichen
(Una sull’alta / Perversion Story / One of Top oft he Other)
Erotik-Thriller von Lucio Fulci, Italien 1969, 97 Minuten
Die Frau des Arztes George Dummurrier (Jean Sorel) wird unter seltsamen Umständen tot aufgefunden, hat sich Susan (Marisa Mell) wirklich selbst umgebracht und ihrem Mann Millionen vermacht? George lernt kurz darauf eine Stripperin namens Monica (Marisa Mell) kennen, die rätselhafter Weise exakt wie seine Frau aussieht, nur Haar- und Augenfarbe sind anders..
Was für eine Mogel-Packung! Macht aber nichts. Der Film wird als Giallo verkauft, was er nicht ist und häufig in einem Atemzug mit Basic Instinct genannt, obwohl er mit diesem auch so gut wie nichts gemein hat. Una sull’altra ist definitiv kein (früher) Giallo, stilistische Exaltiertheiten finden sich so gut wie nicht und breit ausgespielte Gewaltszenen schlicht gar nicht. Ein Giallo ist Fulcis früher Thriller somit allenfalls im rein italienischen Sinne des Wortes, wo es schlicht synonym zu Krimi steht. Was wirklich exaltiert ist, sind sämtliche Titel des Films (Nacht über Leichen, oh bitte!), die damit erfolgreich davon ablenken, dass es sich hierbei um einen ausgesprochen stilvollen, hochwertig und sorgfältig inszenierten und produzierten Thriller mit einigen vergleichsweise dezenten Erotik-Einlagen handelt, für die fast ausschließlich die sehr anregende Marisa Mell verantwortlich ist. Offensichtlich stand einmal ein höheres Budget zur Verfügung, was für ausgesprochen hübsche Ausstattung, geschmackvolle Farbwahl und vor allem ausgedehntes Location Shooting in San Francisco genutzt wurde. Wer nun den Namen dieser Stadt hört und nur mal flüchtig die obige Handlungszusammenfassung liest, wird schnell auf die richtige Spur kommen: Natürlich ist „Una sull’altra“ eine italienische Paraphrase von Alfred Hitchcocks „Vertigo“, versehen mit den üblichen Implausibilitäten, die man so häufig in Thrillern südeuropäischer Machart findet. Das tut dem Vergnügen aber keinen Abbruch, wenn Riz Ortolanis funkiger Jazz-Score ertönt, man durch ein pittoreskes (Hippie-)San Francisco mitfährt und sich dem Bilder- und Farbenrausch des Films und den schönen (Marisa Mell) und etwas teilnahmslosen Hauptdarstellern (Jean Sorel) hingibt, weiß man, hier ist man richtig. Ein nach wie vor sehenswerter, stilvoller Thriller.
Punkte: 8/10.